Ein Epilog für das deutsche Judentum

Von Klaus Harpprecht

Es ist eher ungewöhnlich, daß sich Wissenschaftler auf Exkurse in die Fiktion begeben. Was mag den Historiker Laqueur getrieben haben, sein Publikum und die Kritiker als Romancier herauszufordern? War es die Rebellion gegen die Routine, die ihn zu dem Abenteuer drängte? Wollte er, der so viele Formen schriftstellerischer Äußerungen beherrscht, sich selber und ein paar Freunden beweisen, daß er auch die große Erzählung meistert? Das eine läßt sich mit Sicherheit sagen: Spekulation auf die Bestseller-Listen peitschte ihn nicht an die Schreibmaschine. Wäre es anders, hätte er sich ein populäreres Sujet gewählt oder seinen Stoff sensationeller aufbereitet. Die eigene Skepsis schaute ihm bei der Arbeit nahezu täglich über die Schulter. Er zitierte Thomas Carlyle, der sagte, daß Geschichte, richtig interpretiert, großartiger sei als die Fiktion.

Doch Laqueur fügt hinzu: Geschichte sei nicht nur immens vielfältig, sondern auch ziemlich chaotisch. Daran knüpft er die Frage: Wie kann man Ordnung in dieses Chaos bringen? Seine Antwort – ist der Roman. Also eine Kapitulation des Finders von Fakten vor dem Erfinder, des Wissenschaftlers vor dem Künstler, des Historikers vor dem Literaten? Dieser Schluß wäre zu radikal. Laqueur widerlegt ihn selbst, denn im Fortgang der Erzählung überlistet ihn immer aufs neue die Pflicht des Geschichtslehrers: Der Gang der Ereignisse wird in gerafften Abhandlungen der nüchternsten Art dargestellt.

Walter Laqueur hat sich gern in den Übergangsbereichen von Historiographie und Journalismus aufgehalten. Die weite Auffächerung seiner Interessen kommt dieser Doppelbegabung entgegen: Er schrieb über den Nahen und Mittleren Osten, verfaßte eine Geschichte der deutsch-russischen Diplomatie, befaßte sich mit der Jugendbewegung, mit Weimar, dem Nachkriegs-Europa, dem Terrorismus und meldet sich zudem unverdrossen in den Debatten über die Tagespolitik zu Wort. Warum also das Wagnis? Wer den Autor ein wenig kennt, wird ihn kaum verdächtigen, daß ihn über Nacht die Fähigkeit zur Selbstkritik im Stich ließ.

Die Erklärung ergibt sich aus dem Stoff, dem Laqueur inzwischen zwei Romane gewidmet hat – der erste liegt nun in deutscher Übertragung vor:

Walter Laqueur: "Jahre auf Abruf"; Deutsche Verlags-Anstalt; Stuttgart 1982, 366 S., 36,– DM.