Aus der Alten, der Neuen Welt – Sarah Kirschs Gedichte

Von Hans-Jürgen Heise

„Landaufenthalt“ – der Titel der zweiten Verssammlung von Sarah Kirsch ist bis heute ein Schlüsselwort jzum Verständnis der Lyrik dieser Autorin geblieben. Immer wieder sind entscheidende Texte oder ganze Zyklen durch Freilichteindrücke inspiriert worden – während langer, intensiv erlebter Sommermonate, die gleichsam die äußere Entsprechung innerer Glut waren. Zwar spielen – als Äquivalente von Frustration und Liebesverlust – auch Schnee und Frost eine Rolle. Doch in den überzeugendsten Gedichten verbinden sich Pflanzengrün und Sinnesfreude zu hochorganisierten Sprachbildern. Dabei hat Sarah Kirsch, die in Halberstadt aufwuchs und in Halle zur Universität ging, selber einmal hervorgehoben, daß sie lange kein richtiges Verhältnis zur Natur gehabt habe.

Dennoch ist der Weg, den sie schließlich mit Beharrlichkeit einschlug, wohl schon in ihrer Kindheit vorgezeichnet worden: durch die Mutter, die das Mädchen in den Kriegsjahren mit in die Wälder nahm und es in die geheimnisvolle und vielgestaltige Welt des Vegetabilischen einführte.

Diese seelische Grunderfahrung, die noch durch die Lektüre der Prosa von Adalbert Stifter vertieft wurde, blieb jedoch fürs erste ohne Folgen. So konnte die angehende Dichterin Lebenspraxis erwerben. Als sie sich nach ihrer Begegnung mit Rainer Kirsch voller Leidenschaft der Dichtung zuwandte, war sie in verschiedenen Berufen tätig gewesen und hatte ein Biologiestudium absolviert – eine gute Voraussetzung, die Natur nicht bloß mit idealverschleiertem Blick zu streifen, sondern sie in aller Genauigkeit zu fixieren.

Nun, da unverhofft verschiedene günstige Umstände zusammentrafen, entstand jener persönliche Sprachstil, der von Peter Hacks ironisch „Sarah-Sound“ genannt wurde. Weil die junge Schriftstellerin bisher fast nur Prosa gelesen hatte, war sie disponiert dazu, auch Episches in ihre Texte hineinzunehmen. Die Bereitschaft zum – gelegentlich ausführlichen – Schildern gab der Dichtung eine Detailfülle, die am stärksten in „Lange Reise“ und „Der Milchmann Schäuffele“ zum Ausdruck kommt, in balladesken Arbeiten, die unter den modernen deutschen Erzählgedichten ihresgleichen suchen.

Zum „Sarah-Sound“ gehörte, neben der Gebundenheit an die Themenbereiche Natur und Liebe, eine sehr individuelle Redeweise, die ein Gefühl für Versmaße mit einer saloppen Diktion zu verbinden wußte, einer gespielten Natürlichkeit, die manchmal ein bißchen zu keß war und die, über alles Umgangssprachliche hinaus, Gekünsteltes ausbilden konnte. Das Manieristische zeigt sich etwa darin, daß die Autorin einerseits sehr lax „Schofför“ schreibt, andererseits jedoch „nit“ für „nichts“ verwendet und sogar ein altertümelndes Privatdeutsch erfindet: „seyn / seele hat ein hüggelchin / doch ich hab auch zween büggelchen ...“ Sie läßt „ne süße Schopengsche Musik“ erklingen, ebenso wie ein Englisches Lied“.