Ein längeres Gutachten über Wesen und Wirken der Moschus-Enten war das Thema der vorangegangenen Folgen. Die Hauptsache – der Prozeß – kann nun endlich beginnen.

Als der Winter kam und die Erlen ohne ihr Nebelgewand kahl und klar standen zwischen Rasen und Brack, hörten die Streitereien auf: Die drei Enten hatten nun lange genug debattiert, wie denn eigentlich ihr Verhältnis zueinander zu definieren sei und wie sie sich zu verhalten hätten. Die Fragen waren folgendermaßen formuliert worden: Handelt es sich um einen schwarz-weiß-roten Vater mit zwei erwachsenen Kindern, der das Töchterchen verzärtelt, den Sohn aber in preußischer Strenge erzieht? Oder um ein junges Ehepaar mit einem Witwer auf dem Altenteil, wobei sich noch die Varianten ergeben, daß der Alte ebensogut von dem Jung-Erpel wie von der Jung-Ente als Schwiegervater angesehen werden kann? Oder liegt einfach das aus der französischen Literatur bekannte Dreiecksverhältnis vor: Junge Ente im Kontakt zu einem erfahrenen älteren Erpel mit weißer Weste, schwarzem Frack und einem von besseren Kreislaufstörungen rot gewordenen Kopf, von edler Abstammung aus einem bayerischen Schloß, aber zugleich auch in Beziehungen zu einem vitalen Jung-Erpel bäuerlicher Herkunft, der zwar noch etwas farblos wirkt, jedoch eine gewisse Zukunft vor sich hat?

Die Identitäts-Frage, die in der modernen Philosophie eine Rolle spielt wie vormals schon in der Epoche der Romantik, sie wurde am Brack schließlich weder durch Diskussionen noch durch kriegerische, beziehungsweise zärtliche Auseinandersetzungen zu Wasser, zu Lande, in der Luft oder auf Bäumen gelöst. Sie wurde eingefroren.

Die große Kälte, die schon Bert Brecht besungen hat, brach herein. Und die drei Enten – zu stolz, den Adolf-Bau zu bewohnen, in dem sie offensichtlich nur einfältiges Menschenwerk sahen – zogen sich ins Schilf zurück, wo sie eng aneinandergedrückt lagen: eine Stellung, die im Betrachter nicht den Eindruck von ängstlichem Geducktsein, sondern von großer Gemütlichkeit erweckte. Die Enten froren zeitweise gemütlich am Boden fest und tauten gemütlich auch wieder auf.

In solchem Augenblick erhob sich dann Alt-Erpel, um in aufgetauter Laune bei einbrechender Dämmerung seinen Kulttanz zu vollziehen. Er machte zuerst eine tiefe Verneigung vor irgendeinem Wesen, das ihm sichtlich vor Augen zu stehen schien, das von Menschen jedoch nicht wahrgenommen werden konnte. Dann breitete er die Flügel wie Arme aus und begann seinen Tanz, meist rechtsherum ... Was? Wirklich immer nur rechtsherum? Um Himmels willen! Nie linksherum?

Ei, da fuhr mir doch im ersten Moment der Schrecken siedend heiß in die Glieder. Wie, wenn im guten alten Erpel gar keine mystische Veranlagung, sondern bloß ein Wurm steckte? Ein Drehwurm? Ein Rechtsdralldrehwurm?

Da müßte man doch einmal sehen, wie die Fische im Brack jetzt schwimmen! Vielleicht, daß sie – nach der Theorie des Sachverständigen Ringleben – nicht etwa nur Abfälliges vom Erpel gedacht, sondern auch verschluckt haben? Schwimmen die Fische stets nur rechts-, niemals mehr linksherum, ei, das ließe wirklich darauf schließen, daß Alt-Erpel an einem Drehwurm leidet. Und erst die Angler! Was, wenn sie von Fischen gegessen hätten, die vom Erpel gegessen hätten? Ob sie wohl immer nur rechtsherum in ihren Kähnen fahren? Aber das Brack war zugefroren. Kein Fisch, kein Angler weit und breit.