Die Brüsseler Feierstunde zum 25. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge hat Walter Hallstein nicht mehr erleben dürfen. Dem Europäer der ersten Stunde, der in der Nacht zum Dienstag im Alter von 80 Jahren starb, wäre auch nicht wohl dabei gewesen. Die traurige Bilanz zum Jubiläum hätte ihn nur daran erinnert, wie brüchig das von ihm mitgetragene Werk geworden ist.

Als einer der letzten Überlebenden aus der Gründergeneration der Gemeinschaften kannte Hallstein den Elan der frühen Jahre noch aus eigenem Erleben: den Willen, jahrhundertealte Feindschaften gemeinsam und endgültig zu überwinden, die Hoffnung, der Alten Welt neuen Wohlstand und Einfluß zu sichern. Der Jurist war an leitender Stelle für Deutschland dabei, als das europäische Einigungswerk begonnen wurde.

Vor allem als erster Präsident der EWG-Kommission hat Walter Hallstein Profil gewonnen. Er führte die Wirtschaftsgemeinschaft in den goldenen Anfangsjahren, als die Zollunion verwirklicht und das Fundament der damals so viel versprechenden Agrarpolitik gelegt wurde. Der kühle Taktiker und pragmatische Schöngeist galt als Motor der Gemeinschaft – bis de Gaulle die Bremsen anzog. Der General beendete eine Ära, die bis heute gute Erinnerungen weckt und der Hallstein den Namen verlieh.

Weniger Zustimmung erhielt eine Politik, die ebenfalls seinen Namen trug. Die „Hallstein-Doktrin“, die in seiner Zeit als Staatssekretär im Auswärtigen Amt entwickelt wurde, erhob den Alleinvertretungsanspruch der Bundesregierung für das gesamte deutsche Volk. Das Auftrumpfen verhinderte nicht die internationale Anerkennung des anderen Deutschlands, aber sie bescherte Bonn viele Jahre lang diplomatische Komplikationen und Peinlichkeiten. Fruchtlose Starre gegenüber dem Osten, phantasievolle Beweglichkeit gegenüber dem Westen: Walter Hallstein stand für beides. Doch vor allem seine Erfolge werden ihn überleben – die Taten eines ideenreichen, überzeugenden Europäers. D. B.