Von Ernst Hess

Manchmal hat es der Frühling schwer, durch die Täler zu kommen. Dann tragen die Türme der unzähligen Hohenloher Schlösser noch weiße Mützen, und der Rauch steigt senkrecht in den kalten Himmel. Mörike, der fast neun Jahre im behäbig-stillen Cleversulzbach am Rand der Hochebene zubrachte, läßt seinen „Zitronenfalter im April“ klagen: „Grausame Frühlingssonne, du weckst mich vor der Zeit. So wird der Mai mich nimmer seh’n in meinem gelben Kleid.“

Irgendwann hat es natürlich auch hier mit dem Winter ein Ende, und die fruchtbaren Wiesen tragen stolz ihre Blütenstickereien zur Schau. Burgen und Residenzen öffnen die lange verschlossenen, knarrenden Tore, in den Gasthöfen putzt man Gläser und Schilder, während draußen auf den Feldern die Krähen zufrieden der Pflugschar folgen.

Dem Hohenloher Land – zwischen Heilbronn im Westen und Rothenburg im Osten gelegen – haftet nichts Aufsehenerregendes an. Aus Schlössern, Kapellen und Amtshäusern, aus Madonnen und Brückenheiligen fügt sich ein kleines, barockes Welttheater zusammen, das leichten Herzens auf die große Dimension verzichten kann. Weinberge, Bauerngärten und verträumte Flußläufe komplettieren den schwäbischen Mikrokosmos, der sich seine Ursprünglichkeit weitgehend erhalten hat. So fallen die Besucher nicht in Rudeln über Dornröschen her, sondern betrachten die schlafende Schönheit lieber mit wachen Augen. Und die Romantik der kleinen Residenzen, der stillen Parks und engen Gassen wirkt fast verschämt, obwohl Dürer hier leicht seine Ideallandschaft hätte malen können.

Renaissance und Barock haben dem Land gleichermaßen ihren Stempel aufgedrückt. Das beginnt bei den vornehmen Schlössern der Hohenloher Fürsten, setzt sich über die Kirchen und Klöster fort bis hin zu den wuchtigen Giebeln der Bürgerhäuser. Dazwischen die verschlafenen Herrensitze des niederen Adels, von Efeu, Stuck und feiner Patina überzogen. Meßbach, hoch über dem Jagsttal, ist so ein bukolischer Flecken. Die Freiherren von Palm züchten hier Schafe und feiern gelegentlich in ihrem englischen Park Feste von wahrhaft barockem Zuschnitt. Das viertürmige Schloß am Rande des Dorfs spiegelt sich eitel in einem dunklen Teich, halbverdeckt durch gewaltige Kastanien und den schlanken Bau der Kirche zur Heiligen Trinität. Der Augsburger Matthäus Günther hat das barocke Gotteshaus ausgemalt und an der Decke in kräftigen Farben „Die Pest in Mailand“ verewigt. Sicherlich ein gewagter Kontrast zu dem verschlafenen Nest draußen vor dem Portal.

Wie überhaupt die hohenlohischen Dörfer und Städtchen Kunstwerke vorweisen können, deren Qualität üblicherweise den Metropolen vorbehalten ist. Stuppach prunkt mit seiner unglaublich schönen Madonna von Matthias Grünewald, die romanischen Halbreliefs der Komburg gelten Kennern mehr als manche Kathedrale, und der Altar in der Öhringer Stiftskirche vermittelt die geniale Plastizität des Meisters Veit Stoß. Vom Schnitzer der Figuren in Creglingens Herrgottskapelle, Tilman Riemenschneider, behaupten schließlich die Kunsthistoriker in seltener Einmütigkeit, daß unter seinen Händen das Holz zu reden begann. Nicht eben wenig für das Duodez-Ländchen zwischen Kocher, Jagst und Tauber, dessen mehr als 200 Schlösser – zumindest in ihrer Vielzahl – selbst das Loiretal oder die Dordogne übertreffen.

Hohenlohe ist vor allem Adelsland, wobei die sprichwörtliche Fruchtbarkeit des Bodens sich offensichtlich auch auf seine blaublütigen Besitzer übertragen hat. Die Hohenlohe-Schillingsfürst, -Langenburg, -Bartenstein, -Öhringen, -Kirchberg und -Ingelfingen produzierten Staatsmänner, Diplomaten, Bischöfe und Generäle gleich im Dutzend. Die meisten Schlösser sind seit Jahrhunderten in Familienbesitz, an Erben mangelt es gottlob auch heute nicht. Wie alle Schwaben verstehen sich die Hohenloher gut aufs Rechnen und unterhalten ihre Residenzen weitgehend ohne staatliche Hilfe. Fürst Krafft zu Hohenlohe-Langenburg zeigt gegen angemessenes Salär in seinem Automobilmuseum Blechträume aus dem Benzin-Gotha: Bugattis und Lagondas, feuerrote Ferraris, einen schwarzen Lola T 70 oder den legendären Mercedes SSK. Dazwischen auch manch betagtes Vehikel mit so bürgerlichem Namen wie Lloyd, Zündapp oder Opel.