Von Hans-Peter Riese

Diesseits und jenseits des Atlantiks werden Grabreden auf die Entspannungspolitik gehalten. Sei es, daß Politiker, Historiker und Publizisten sich dadurch dem in Washington kräftig auftrumpfenden Zeitgeist anempfehlen wollen, sei es, daß echte, nicht selten durch die eigene Biographie begründete Furcht vor der Sowjetunion das Motiv ist.

Das Verhältnis der osteuropäischen Dissidenten zur Entspannungspolitik des Westens war immer zwiespältig. Soweit sie vor der Verharmlosung des sowjetischen Expansionsdranges warnten, wie Bukowski, oder die Verbrechen des Stalinismus anklagten, wie Solschenizyn, konnten sie der Aufmerksamkeit westlicher Medien gewiß sein. Verteidigten sie indessen den Versuch, zu einem geregelten Neben- und Miteinander zwischen den westlichen Staaten und dem sowjetischen Block zu kommen, wie dies Havemann, Bahro oder die meisten Intellektuellen in der Tschechoslowakei getan haben, so fielen sie oft den innenpolitischen Streitigkeiten um diese Politik zumal in der Bundesrepublik zum Opfer.

Die Grundsatzdebatte über den Charakter des politischen Systems in der Sowjetunion scheint erneut aufgebrochen zu sein, und mit ihr die politische Frage nach dem Umgang mit der staatlichen Macht. Der Versuch, diese Auseinandersetzung um grundsätzliche Positionen politisch auszunutzen, ist vor allem in den USA nicht zu übersehen. Die Forderung nach Sanktionen gegen die Sowjetunion im Gefolge der Intervention in Afghanistan und der Verantwortung für die Ereignisse in Polen wird mit dem expansionistischen und imperialistischen Charakter des Sowjetsystems begründet. Da ist es von besonderem Wert, den Sinn solcher Sanktionen von jemandem in Zweifel gezogen zu sehen, der in vielen seiner Schriften Argumente für die Politik derjenigen geliefert hat, die heute eine Strategie des strikten Containments befürworten.

Über viele Kapitel liest sich zwar auch das Buch:

Milovan Djilas: „Idee und System – Politische Essays“; Verlag Fritz Molden, Wien 1982, 320 S., 34,– DM,

wie eine Belegsammlung für die angeblichen Fehler, die während der Entspannungspolitik in der Einschätzung der Sowjetunion gemacht wurden. Aber in der Bewertung der Mittel, sowjetische Aggression zurückzudrängen, kommt Djilas dennoch zu dem Ergebnis: „Für die Blockaden und Pressionen, die es in der Vergangenheit vom Westen aus gegeben hat, haben im Osten die Menschen und Völker zumeist mit verstärkten Anstrengungen und verminderten Rechten bezahlt; solche Methoden würden niemandem nützen, aber schaden würden sie allen.“