Chaos und Idylle an deutschen Hochschulen

Von Wolf gang Hoffmann

Seit Monaten streiten sich Bund und Länder über die Finanzierung des Hochschulausbaus. Der Planungsausschuß für den Hochschulausbau, in dem Bund und Länder die Rahmenplanung für den Ausbau der Universitäten beschließen, mußte jetzt das ursprüngliche 12-Milliarden-Programm kurzen, weil die Kassen des Bundes, der die Hälfte der Kosten trägt, leer sind. Die Länder befürchten, daß sie mit der zu erwartenden Studentenschwemme nicht mehr fertig werden. Doch mit weniger Geld könnte mehr geleistet werden – wenn die vorhandene Kapazität der Hochschulen besser genutzt würde.

Im rechtswissenschaftlichen Seminar der Bonner Friedrich-Wilhelm-Universität spielen sich fast täglich dramatische Szenen ab. Sobald der Pedell kurz nach acht Uhr die Türen zur Bibliothek öffnet, strömen Hunderte von Studenten zu den Bücherregalen. Doch nicht selten müssen viele davon wieder enttäuscht abziehen. Obwohl die einschlägigen Jura-Kommentare reichlich vorhanden sind, dem morgendlichen Studentenansturm sind sie nicht gewachsen. Kein Wunder: Im Juridicum der Bonner Universität, einst für zweitausend Juristen und Volkswirte konzipiert, treten sich mittlerweile 7500 Studenten buchstäblich auf den Füßen herum.

Was sich hier in Bonn abspielt, müßte – statistisch betrachtet – nahezu an allen deutschen Universitäten zum tristen Alltag gehören. Denn auf derzeit 734 000 vorhandenen Studienplätzen studieren bereits über eine Million Studenten – genau 1 044 000. Die Hochschulkapazitäten sind nicht nur ausgeschöpft, mit einer Belegungsquote von 142 sind sie eigentlich überlastet. Freilich nur auf dem Papier, denn die Realität sieht anders aus.

Schon knapp hundert Kilometer nördlich der überfüllten Bonner Universität bietet sich ein ganz anderes Bild. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Hans Wallow wunderte sich jedenfalls, als er an einem Freitag in der Früh die Ruhr-Universität in Bochum besuchte. Wo er vollbesetzte Hörsäle vermutete, fand er nur gähnende Leere vor. Aus einem Hörsaal im Untergeschoß der Uni miaute ihn lediglich ein in seiner Ruhe aufgescheuchter Kater an. In einem weiteren Raum wandten sich fünf Studiker enttäuscht wieder von ihm ab. Sie hatten in Wallow zunächst ihren Professor vermutet, auf dessen Vorlesungsbeginn sie bereits seit einer Viertelstunde vergeblich harrten.

Von der obersten Etage des Bochumer Uni-Hochhauses bestaunte Wallow nur den schönen Weitblick übers Revier. Ansonsten gab es in den dreißig bis vierzig Übungs- und Büroräumen wenig zu sehen. Vier Sekretärinnen kochten Kaffee. Es war mittlerweile kurz nach zehn Uhr.