Von Rolf Zundel

Die Süddeutsche Zeitung fand die melodramatische Metapher: „Ein Beben kündigt sich an. Es geht von einem Buch aus, das noch gar nicht erschienen ist.“ Von Nervosität bei den Politikern berichtete das Blatt; Herben Wehner „habe bereits bei Helmut Schmidt angefragt, ob man nicht – gemeinsam mit Willy Brandt – etwas unternehmen müsse. Aber was?“

Der ehemalige FDP-Abgeordnete Wilhelm Helms, heute wohlbestalltes CDU-Mitglied, wußte, was er zu tun hatte. Er erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen das Buch, weil ihm nachgesagt worden sei, er habe sein Versprechen gebrochen, beim Mißtrauensvotum am 27. April 1972 für Rainer Barzel zu stimmen.

Der Spiegel leitete den Vorabdruck interessanter Passagen aus dem Buch mit einer Geschichte ein, die auf die aktuellen Auseinandersetzungen in der SPD und in der Koalition gezielt war: Historie als Waffe für die Grabenkämpfe von heute. Genscher, der Bremser in der Ostpolitik, wurde ins Bild gerückt, der den Autor mit Informationen aus seinem Ministerium kurz hielt – „hatte Genscher vielleicht etwas zu verbergen?“ Und vor allem ein machthungriger, vom Ehrgeiz getriebener Helmut Schmidt gerät ins Blickfeld: „Wichtigster Punkt: Schmidts Beitrag zur Demontage seines Vorgängers und Brandts Reaktionen, die er in bislang geheimen Tagebuch-Notizen festgehalten hatte.“

Der Autor liefere damit, so folgert Der Spiegel kühn, „die Ursache für eine Erscheinung nach, die seit der letzten Bundestagswahl im Umgang der beiden SPD-Spitzen auch öffentlich sichtbar wird: Brandts strenge Loyalität zum Kanzler bröckelt, Schmidt forciert die Attacken gegen die eigene Partei und ihren Chef“. Brandts Politik also eine späte Rache für die Demütigungen bei seinem Sturz? Machtwechsel jedenfalls, so suggeriert das Nachrichtenmagazin, sei wiederum das Thema – mit sehr ähnlichen Streitfragen, denselben Personen, nur in anderer Funktion.

Kurz: Das Buch hat alle Aussichten, ein „Renner“ zu werden, wenn auch zum Teil aus den falschen Gründen:

Arnulf Baring: „Machtwechsel. Die Ära Brandt-Scheel“; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1982, 832 S., DM42,-.