Von Dirk Sager

Theater in Moskau: Eine Rock-Oper im „Komsomol“ ist der Renner der Saison

Moskaus Nächte sind lang. Und wer in sehnsuchtsvollen Stunden ans „Crazy Horse“ denkt, dem mögen sie auch langweilig erscheinen. Eben weil die abendlichen Verlockungen eher in Graden der Sprödheit zu messen sind, erfreut sich kulturvolle Unterhaltung großen Zuspruchs. Nur böse Zungen würden behaupten, dieser Drang zu Höherem sei auf einen Mangel an Alternativen zurückzuführen. Das Ergebnis jedenfalls mag man erfreulich finden, aber es hat auch Schattenseiten, die mir ein alter Hauptstädter in einen lebenserfahrenen Vergleich faßte, der ein bißchen in die Geschichte zurückgeht: „Erst haben sie uns beigebracht, daß wir in Schlafanzügen schlafen sollen. Da gab es dann keine Schlafanzüge zu kaufen. Jetzt sagen sie immer, wir sollen ins Theater gehen. Aber die Karten sind nicht zu bekommen.“ Der Ansturm auf die Kulturtempel macht die Billetts zur Mangelware. Bekannt ist, daß Karten an Betriebe verteilt werden, denn das gehört zur Kulturpolitik, aber andere Interessierte bleiben auf der Straße. Engpässe schaffen Bitterkeit, zumal sie immer die Frage aufwerfen, wer eigentlich zu den Glücklichen gehört, die Karten bekommen.

In einem Fall gaben die Zeitungen darauf eine Antwort, indem sie von einem Theaterbesuch berichteten, zu dem sich gleich eine ganze Gruppe von Herren zusammengefunden hat. Fast ein Betriebsausflug, über dessen Beweggründe und Zustandekommen viel gerätselt wurde. Denn nicht Langeweile ist es wohl gewesen, die die Herren an jenem Abend zusammengeführt hat, und wohl auch nicht das Bedürfnis, einmal für ein paar Stunden den häuslichen vier Wänden zu entkommen, um vielleicht hinterher noch ein Gläschen zu trinken. Und fast noch mehr Aufsehen erregte, daß einer aus dem Kollektiv nicht mit von der Partie war. Durfte er nicht oder wollte er nicht? „So werden wir triumphieren“ hieß das Stück, Szenen aus der Frühzeit der Sowjetunion, die, folgt man den später dargebotenen Analysen, den Blick in die Zukunft lenken sollen. Das Stück hatte zwar als Geheimtip Beachtung gefunden unter den neueren Inszenierungen in Moskau, aber weltweite Würdigung fand es erst, als Generalsekretär Breschnjew und zehn Spitzenpolitiker der Partei die Aufführung mit ihrem Besuch beehrten.

Wenn sich hier die Politiker einem Werk der Kunst intensiver zuwenden, hat das häufig ungute Folgen gehabt, zumal dann, wenn sich von diesem Werk in irgendeiner Form sagen ließ, es sei ungewöhnlich und deshalb interessant. Warum also gingen die Politiker an jenem Abend ins Theater, und warum ist einer von ihnen, der auch in Moskau ansässig ist, nicht mitgekommen? Ist Politbüro-Mitglied Kirilenko ein Spielverderber? Stimmte er mit der Linie des Stücks nicht überein? Ging es den anderen darum, zu demonstrieren, daß die Linie des Stückes die Linie der Partei sei?

Das Stück, dessen Autor Michail Schatrow ist – 1932 geboren und schon mit mehreren Lenin-Stücken in der sowjetischen Dramatik vertreten, auch mit hoher Auszeichnung bedacht – wirft Schlaglichter auf die Tage, in denen Lenin sein politisches Testament schrieb: Vergangenheitsaufbereitung mit Kritik an der Partei und jenem Mann, der sie in den folgenden drei Jahrzehnten beherrschte. Respektable Würdigung war mit diesem Thema bisher für einen Künstler im Land kaum zu erreichen. Jene, die es versuchten, wie der im vergangenen Jahr gestorbene Juri Trifonow – zu früh verstorben, sagt man in solchen Fällen – blieben eher ungeliebte Kinder der sozialistischen Muse.

Nun soll der Theaterbesuch in neue Richtungen weisen. Inspiriert habe ihn einer, der in den letzten Monaten sichtbar in die Nähe des Generalsekretärs gerückt ist, Konstantin Tschernenko. Eine Geste von hohem theatralischem Wert fürwahr, wenn sich damit der Beginn eines neuen Aktes ankünden sollte – in einem Stück, in dem die Bürger mitspielen, aber bislang viel Anlaß hatten, sich als Statisten zu fühlen. Ob der prominente Besuch dem Leninstück mehr Zulauf gebracht hat, ist in Moskau nicht zu messen. Fast jedes Theater ist abends ausverkauft, und für jeden, der eine Karte hat, werden die letzten Meter vor dem Theatereingang zu einem Spießrutenlauf, weil Trauben von Menschen fast über ihn herfallen, um möglichst noch eine freiwerdende Karte zu ergattern. Mit gleichbleibend hoffnungsvollen Augen schauen sie einen an und lassen den Kartenbesitzer nicht ohne ein Gefühl der Scham ins Foyer streben. Die dicksten Trauben stehen vor einem Stück, in das das Politbüro bisher noch nicht gegangen ist.