Hans Mayers gesammelte Essays über Thomas Mann

Von Rolf Hochhuth

Hans Mayer, der unglaublicherweise nunmehr schon 75jährige, kann dank auch dieses "jaakobschen" Alters in seinem Thomas Mann-Buch noch mitliefern, was heute nur sehr wenige einer Monographie über den Lübecker mitgeben können: Erfahrungen aus persönlichen Begegnungen, Kenntnisse aus Briefen, die der "Zauberer" an Mayer schrieb – und sogar die lustige Geschichte eines Mißverständnisses, das zur Folge hatte, daß der sonst so konziliante Autor der "Betrogenen" schlagartig "einschnappte", weil der Professor die Vermutung geäußert hatte, Goethes "Wahlverwandtschaften" hätten bei dieser letzten Erzählung Manns ebenso Pate gestanden wie schon bei "Tod in Venedig". Kaum, daß Mayer diese Vermutung geäußert hatte, beim Mittagessen in Kilchberg, 1954, wurde Thomas Mann "starr, zu Stein: ‚Ich sehe überhaupt keine Beziehung zwischen meiner Arbeit und Goethe!‘ Da war nichts zu erwidern, Erika wechselte das Thema".

Und Mayer fragte sich: "Was hatte ich begangen? ...Heute weiß ich, seit die Tagebücher der ersten Exiljahre gedruckt vorliegen, woran ich zu rühren gewagt hatte... der damals 17jährige Klaus Heuser, offenbar sehr schön, war mit Thomas Mann... an der Ostsee 1927 zusammengetroffen. Das hatte zu einer engen Freundschaft des Fünfzigjährigen mit dem Epheben aus Düsseldorf geführt... Die Liebe war im Umkreis des ‚Zauberers‘ durchaus kein Geheimnis ... Worauf das Tagebuch, Jahrgang 1935/36 fortfährt: ‚Gedenken an jene Zeit und ihre Leidenschaft, die letzte Variation einer Liebe, die wohl nicht mehr aufflammen wird. Seltsam, der glückliche, der belohnte Fünfziger – und damit Schluß. Goethes erotisches Aushalten bis über 70 – ‚immer Mädchen‘. Aber in meinem Falle sind wohl die Hemmungen stärker, und man ermüdet früher, selbst abgesehen von Unterschieden der ,Vitalität‘."

In seinem Tagebuch hat Thomas Mann sich sanft darüber mokiert, daß die Untertanen, als die er seine Leser ja doch ein bißchen abtaxiert hat, durchaus bereit sind, sich zu dem Bilde überreden zu lassen, das ein Dichter von sich selber entwirft – sofern er das nur beharrlich und immer wieder und mit immer neuen "Belegen" tut, unentwegt und selber von diesem Selbstbildnis überzeugt: was die Voraussetzung ist, zu überzeugen. "Ich schiele", schreibt Thomas Mann nicht nur einmal im Hinblick auf Goethe. So, wenn er mit fünfzig Freude, "Verwandtschaft" empfindet bei der Entdeckung, daß auch Goethe – wie er selber, Thomas Mann – den ersten eigenen Wagen mit fünfzig angeschafft hat: ein Gespann, wie das natürlich bei dem zu Weimar hieß. Hans Mayer, wie jeder Biograph, wird gezwungen, auf dieses Spiel Thomas Manns, sich im Titanen wiederzuerkennen, einzugehen. Genauer: Mayer wird auch überzeugt, daß es seine Stimmigkeit hat mit diesem Spiel, daß es legitim ist. Goethe hat denn auch in Mayers Thomas Mann-Essays – denn das Buch ist keine fortlaufende Biographie wie Peter de Mendelssohns opus magnum: "Der Zauberer" – einen so weit um sich greifenden, Thomas Mann zu sich hinziehenden, zentralen Standort wie niemand sonst; wie er auch bei weitem Gerhart Hauptmann nicht zugestanden wird, obgleich wenigstens diesem einen Zeitgenossen – doch allein ihm – Gleichrangigkeit (oder doch annähernde) bescheinigt wird ...

Einsame Spitze

Bei allem Respekt, ja trotz der ausgeprägten Vorliebe, die auch meine Jahrgänger (und ich) vor allen seinen Zeitgenossen dem "Tonio Kröger" – und "Faustus"-Autor und auch dem Kampfredner gegen Hitler immer, bis heute, zugetragen haben: ist das nicht eine Fehleinschätzung, niemanden außer Hauptmann als Gleichrangigen an der Seite Thomas Manns zu sehen?