Von Lutz Rathenow

Es ist das dritte Buch von Frank-Wolf Matthies, und ich halte es für sein bislang bestes. „Inmitten von Lumpen / Teure Geliebte Achs Holde / Rotweinlachen ringsum Hier also / Ich Ich Ich! Mit blauen Lippen / Süße Zukunft grüße ich dich.“ Dieser bitterfrohe Schluß des zweiten „Fragments aus den Dichtungen Achs“ steht nicht für die Haltung aller Verse. Da ist auch Resignation, nur verhalten durchbrochen: „AprilApril / Meine Heimat verbergen Wohnungswände – / hier hause ich beschützt von Angst und Trauer / ringsum beleben andere die Fremde – / die Dächer blühn im Sommer blauer.“

Zwischen Utopie und Verzweiflung sind die Gedichte angesiedelt und beschreiben das Spannungsfeld zwischen diesen Polen, in dem sich der Mensch bewegen willmuß. (Aus „Gingers poem“: „verschließe den mund nicht den blick nicht / sich in den Spiegel er birgt dein geheimnis, / tritt vor die tür und du wirst nicht erschrecken / was dich umgibt ist eine botschaft für dich.“)

Dabei verweigern sich die Texte weitgehend den Ansprüchen der Politik. Genauer gesagt: einer die Sinne abstumpfenden Politik, die von Lyrik das solide gebaute ideologische Korsett erwartet. Die Abwehr gegen diesen Verbrauch von Dichtung und Dichtern bekunden Matthies’ Verse mitunter. Sie erproben Konsequenzen und mißtrauen allem Militanten. Es geht um ein „Ich“, das sich verletzbar halten will. Also lebensfähig. (Vielleicht ist der nachdrückliche Verlagshinweis auf die Verhaftung des Autors und die daraus erwachsenden Folgen gar nicht günstig, um den unvoreingenommenen Leser zu finden, den dieses Buch braucht.) Matthies beherrscht (und ihn beherrschen) die leiseren Töne, kraftmeierische Gebärden liegen ihm nicht. Da, wo er sehr selten in sie verfällt („Trinkspruch auf Rotwein & einen Kollegen“) bleibt der Text in angestrengter Pose. Wunderschön dagegen das den Band abschließende Gedicht „Stille Frau in weißen Kleidern“, in seinem Rhythmus an die Zigeunerromanzen Lorcas erinnernd. Die erste der sechs Strophen sei zitiert: „Stille Frau in weißen Kleidern, / Ich sehe & ich ahne Dich: / Flüchtig blicken mir ins Auge/ Ängste die in schwarzen Wagen / Durch die Straßen gleiten Tag & Nacht, / Nebel die im Torbogen warten, / & an feuchten Zigaretten ziehen – / Bleiben. Fliehen. – Stille Frau, / Kein Schritt im Regen ändert Dich.“

Frank-Wolf Matthies flieht die Spannungen dieser Welt nicht. Er ist nur nicht bereit, sie auf ideologische zu verkürzen. Er setzt sich aber auch nicht dem Zwang aus, politische Auseinandersetzungen unter allen Umständen zu meiden. Seine Verse sollen staunen machen. Sie bedrängen den Leser, ohne sich ihm aufzuschwatzen. Sie mögen ruhig als irritierend angenommen werden. Sie sind oft verstört („Mißtrauisch öffnen sich mir die Fenster“), mitunter bizarr („Fragment aus den Dichtungen Achs“ und „Aus den Morgendichtungen Achs“) oder bis zum subversiven Wahnsinn verschreckt („Fallen Spiegel Fängt der Wald dich“, „Was ist hier los“). Dann wieder verblüffende Einfachheit: „Wenn der Dichter F. mich anruft dann kommt er / bald Beladen mit haushohen Taschen sacktiefen / Beuteln. Dann setzt er sich in den einzigen / Sessel gegenüber dem Fenster & verweigert Konfekt & Wein / Zigaretten & Kuchen Wissen Sie, sagt er da / einmal zwischen dem Absetzen der Tasse Kaffee / & dem Hineinbeißen in einen Apfel, Gedichte / sind mir ähnlich den Vitaminen – wir bemerken sie / nicht schmecken sie nicht, sagt der Dichter F. / mit fröhlichen Augen, krank todsterbenskrank / macht uns erst ihr Mangel. Verabschiedet sich / der Dichter F. greift er seine Beutel & Taschen / erzählt noch wie der Verleger Wasenbach umständlich / seinen Schlüsselbund aus dem Hosensack zieht & sorgsam / seine Kasse aufschließt, lachend & ist davon wie er kam.“ Ein Gedicht von anziehender Klarheit, mit ganz verhaltenem Humor.

Auf anderen Seiten des Buches gerät die Komik schrill und höhnisch („Neues von Niemand“). Der Autor versucht zu vereinen, was schwer zusammenzubringen ist: Schwermut und Leichtigkeit, grelle und sanfte Farben, beschwörende und trotzige Nonchalance, naive Wut und berechnende Distanz. Ein Haltungsbild voller Dissonanzen, plus Momenten der Harmonie, die sich ihrer Relativität gewiß ist. Manchmal auch die Betroffenheit des Dichters pur: „versteckt sich im hof vielleicht ein wind / ein spielendes kind / was war das was schrie / was kommt vor dem keller zum liegen“ („Lottumstraße“). Das läßt an Jürgen Fuchs denken, an jenes suggestive Ansprechen des Partners. Diese Zuwendung zum anderen, in einem durchaus religiösen, aber gar nicht kirchlichen Sinn, ist also bei Matthies auch da. Auch erkenne ich, bei unterschiedlicher Lebenshaltung, Bezüge zu zwei Dichtern aus der DDR, denen man wohl wie Frank-Wolf Matthies das Attribut „jung“ anhängt: Uwe Kolbe und Bert Papenfuß.

Zurück zu dem Nebeneinander von Besonnenem und Aggressivem in den hier zu besprechenden Gedichten. Dieses eben erwähnte andere, die Texte prägende Spannungsfeld tritt in der Beschreibung des Dorfes „N.“ und in dem überaus gelungenen Minipoem „Für Patricia im Winter“ besonders klar hervor. Es ist überhaupt die Art, wie in dem Band verschiedene Töne zusammenfallen, die dem Autor zum eigenen Ton verhelfen.