Von Horst Bieber

Am Abend des Wahlsonntags wurden 74 Todesopfer gezählt – mehr, als die Statistik des Grauens im mittelamerikanischen Kleinstaat El Salvador für "normale" Wochentage aufführt, aber weniger, als manche Salvadorenos und ausländische Beobachter befürchtet hatten. Die Guerilla hat ihre Drohung nicht wahrmachen können, die Wahl zur Verfassunggebenden Versammlung zu verhindern. Trotz Barrikaden und Straßensperren, offenen Feuerüberfallen und Anschlägen aus dem Hinterhalt gaben viele Bürger ihre Stimme ab und mißachteten die Drohung der Guerrilleros, Wähler nachträglich zu bestrafen. Die bewaffnete Opposition, die sich an dieser "Wahlfarce" nicht beteiligen wollte, hat am Sonntag eine politische Niederlage erlitten: Jede Stimme war ein Bekenntnis gegen die Behauptung der Rebellen, das "Volk" stehe hinter ihnen.

Wie viele Salvadorenos stimmberechtigt waren und wie viele den Gang an die Urne riskiert haben, stand auch am zweiten Tag der Auszählung noch nicht fest. Die Wahlregister sind veraltet, alle Zahlen über die Größe der Bevölkerung (etwa 2,7 Millionen) unsicher, zum größten Teil geschätzt. Mehr als 500 000 Stimmen, so hieß es vor dem Wahlsonntag, wären ein Erfolg, ein akzeptabler Beweis für einen Mehrheitswillen, den Bürgerkrieg durch Verhandlungen zu beenden. Zumindest in den Städten war die Wahlbeteiligung hoch, aber dort sicherte auch das Militär die langen Schlangen der Wartenden. Anders sah es auf dem Lande aus; dort siegte die verständliche Furcht um das eigene Leben über die Wahlpflicht – erst recht in jenen Regionen, die von der Guerilla beherrscht werden. Nur in diesen Bezirken konnten sie den Boykott durchsetzen. Trotzdem wurden über 800 000 Stimmzettel ausgefüllt.

Um die 60 Sitze der Versammlung hatten sich sechs Parteien beworben: die Christdemokraten des regierenden Präsidenten José Napoleon Duarte und fünf konservative bis ultrarechte Gruppen. Ob die Stimmen korrekt ausgezählt würden, ist mehr als zweifelhaft: Wahlfälschung hat eine lange Tradition in El Salvador, und Beweise für massive Wahlbeeinflussung konnten ausländische Beobachter an Ort und Stelle sammeln. Zudem gehört es zum Ritual, daß die Verlierer den Sieger des Betrugs zeihen; Duarte hat es am eigenen Leibe schon erfahren, als er von den Militärs nach einem Wahlsieg festgesetzt, gefoltert und ins Exil vertrieben wurde.

Auch diesmal hat das Militär feierlich versprochen, jedes Wahlergebnis zu respektieren – der Beweis steht freilich noch aus. Rund 40 Prozent für die Christdemokraten, aber etwa 46 Prozent für drei extrem rechte Parteien – da liegt die Versuchung nahe, den fehlenden vier oder fünf Prozent gewaltsam nachzuhelfen und einen Präsidenten zu verjagen, dessen Reformpolitik, obwohl bisher mehr Absicht als Realität, die Machtbasis der Agraroligarchie bedroht.

Ein Ablösung Duartes – die fünf Parteien haben noch während der Auszählung mit Verhandlungen über eine Koalition begonnen – würde aber auch bedeuten, daß der Bürgerkrieg weitergeht. Auf dem rechten Spektrum gibt es genug Hitzköpfe, die ein für allemal mit der Guerilla aufräumen und von Verhandlungen, gar nichts wissen wollen. Die Einsicht, daß diese bewaffnete Opposition bereits zu stark geworden ist, um einfach ausgelöscht zu werden, würde sie nicht zurückhalten – aber vielleicht die Haltung des amerikanischen Kongresses, der jenes Geld für Waffen und Wirtschaftshilfe bewilligen muß, von denen El Salvador abhängig ist.

Für sich genommen haben die Wahlen wenig bewirkt, sie waren nur der Anfang eines langwierigen Prozesses, in dem viele Staaten mitmischten. Dies hat die Guerilla als erster Beteiligter erkannt und zugegeben. In einem Interview mit der spanischen Tageszeitung El Pais, das am Wahlsonntag erschien, erklärte der Guerilla-Führer Joaquín Villalobos: "Wenn die (Regierungs-)Junta einen Weg zum Frieden anbietet, werden wir ihn wahrnehmen." Zwar erhob der 31jährige Comandante eine Reihe kaum akzeptabler Forderungen, aber in einem Punkte ging er von der bisherigen Maximalposition ab: Die Guerilla beharrt nicht mehr darauf, vor Verhandlungsbeginn das Militär von der Regierung auszuschließen. Und damit die Botschaft auch ja recht verstanden wurde, bat die "Demokratische Revolutionsfront", der "politische Arm" der Guerilla, den venezolanischen Präsidenten Herrera Campins um Vermittlung – einen Christdemokraten, der sich dezidiert hinter den Christdemokraten Duarte und das Experiment der Wahlen gestellt hatte. Duarte wiederum kann solche Gespräche nur wagen, wenn die Vereinigten Staaten den salvadorensischen Offizieren bedeuten, Kontakte mit dem inneren Feind zu dulden.