Beobachtungen bei der Lektüre von Büchern des Döblin-Preisträgers 1982 Gert Hofmann

Von Peter Laemmle

So hochkarätige Prosa hat man schon lange nicht mehr gelesen. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus beim Anblick dieser blankpolierten, traumhaft sicheren Sprachmaschine. Wie formbewußt, wie kunstvoll, wie technisch exakt ist das alles gearbeitet! Und weil uns die Literatur der vergangenen Jahre nicht eben verwöhnt hat mit solchen Ansprüchen, darf man schon hingerissen sein und schwärmen, auch wenn sich dann wieder Ernüchterung einstellt, weil man gewahr wird oder besser: heraushört, daß ein Hauch von Epigonentum wie ein Parfüm über diesen Büchern liegt...

Spät und mit einem vergleichbar schmalen Werk (so als sei hier einer immer wieder von Selbstzweifeln heimgesucht worden, ob seine Begabung auch seinem Anspruch genügen könne) meldet sich der heute fünfzigjährige Gert Hofmann zu Wort: nach einem inzwischen vergessenen Theaterstück aus dem Jahre 1962 eine lange Pause des Schweigens, von 1975 bis heute folgen ein paar Hörspiele, drei Prosabände, ein Roman. Daß sich hinter den Büchern, mit den eher unauffälligen Titeln „Gespräch über Balzacs Pferd“, „Die Denunziation“, „Die Fistelstimme“ ein von seinem Handwerk besessener Autor verbirgt, haben bisher nur jene berufsmäßigen Kunstrichter entdeckt, die Hofmann nacheinander den Bachmann-Preis (1978), den Prix Italia (1980) und jüngst den Alfred-Döblin-Preis zuerkannten – ein ermutigendes Zeichen, daß solche Auszeichnungen auch einen Würdigen, einen echten Außenseiter treffen.

Hofmanns Bücher sind alle nach dem gleichen Prinzip gebaut: Der Erzähler ist Berichterstatter, Briefschreiber, Gesprächspartner. Das gibt dem Text seinen rhetorischen Schwung, vor allem, weil die Unmittelbarkeit des Berichts durch einen ständig, oft unmerklich und blitzschnell, vorgenommenen Wechsel von direkter und indirekter Rede noch gesteigert wird. Ihren Reichtum, ihre Musikalität kann diese Sprache wohl am eindrucksvollsten entfalten, wenn sie laut gelesen wird, wenn das Spiel mit den sich fortwährend ändernden Zeiten (Präsens und Imperfekt), mit den Sprüngen in der Erzählhaltung (von Ich- und Er-Form), mit den immer wiederkehrenden Wort- und Satzmotiven in einer Art crescendo/decrescendo-Ttchnik sich akustisch vermittelt. „Die deutsche Grammatik kann ich auswendig“, läßt Hofmann eine seiner Figuren sagen. Das klingt wie ein ironisches Selbstbekenntnis und ist ein bißchen kokett: Wer so sicher mit der Sprache umgehen kann, der schöpft natürlich alle Möglichkeiten der Grammatik aus, jongliert mit Konjunktiv, Partizipien, Redefiguren. In diese Sprech-Texte – und das ist ein weiter Kunstbegriff – montiert Hofmann auch Anweisungen, in welcher Tonlage gesprochen werden soll: Hörspiel und Regie-Anweisung in einem.

Wer spricht mit wem? Sind die uferlosen, wortgewaltigen, gewalttätigen Gespräche in Hofmanns Büchern nicht eigentlich Monologe? Wer hört schon zu, und wer versteht denn, was der andere ihm sagen will? Das sind nicht mehr Verständigungsschwierigkeiten, wenn der nach Riga zurückkehrende „verlorene Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz“ (in den „Gesprächen über Balzacs Pferd“) tagelang seinen Vater um Verständnis für sein bisheriges, gescheitertes Leben bittet, mit einer verzweifelten Inständigkeit, und der Vater antwortet nie.

Es sind nicht Sprachbarrieren, die in Hofmanns Roman „Die Fistelstimme“ verhindern, daß das pausenlose Aufeinandereinreden eines Universitätslektors und eines slowenischen Studenten auch ein gegenseitiges Begreifen nach sich zieht. Alles ist wie in einen leeren Raum gesprochen, aus dem manchmal ein fratzenhaftes Echo zurücktönt. „Und ich“, sagt dieser Student, „bin immer gespannt, wenn ich mit Ihnen rede, wie ich das, was Sie sagen, verstehe, und wie Sie das, was ich sage, verstehen. Beziehungsweise mißverstehen.“ Jeder ist in den Käfig seines Denkens, seiner Sprache eingeschlossen. Es kommt zu aberwitzigen Gesprächssituationen: „,Heiß‘, fragte er. ‚Sehr richtig‘, sage ich. ‚Wie ist das .. zu verstehen‘, frage ich. ,Ja‘, sagt er. ,Alles‘, sage ich, ‚im Gleichnis‘. ‚Wie ist das...‘, fragt er. ,Alles‘, sage ich, ‚immer auf Messers Schneide‘. ‚Sie sprechen...‘ ‚... von der Witterung‘. ,Aha‘ sagt er, ..., und...“