Der junge Jorge-Luis Borges hat ihm ein Gedicht gewidmet und seine frühen Verse „mit wahrer Andacht“ gelesen; Martin Heidegger fand 1968 unter den späten Gedichten „einige schön geglückte“. Und dennoch, wer über ihn schreibt, auch der Autor selbst (und deshalb kann es in seinen Worten geschehen), greift darauf zurück, daß er „der letzte noch lebende der dreiundzwanzig Lyriker (ist), die Kurt Pinthus 1920 in der berühmt gewordenen expressionistischen Anthologie ‚Menschheitsdämmerung‘ versammelte“. Ein Jahr davor war Kurt Hevnicke der „Kleist-Preis“ für seinen dritten Gedientband „Das namenlose Angesicht“ verliehen worden.

Heideggers Urteil steht in einem Brief. Die Gedichte, denen es gilt, las er im Manuskript; sie erschienen erst 1974 unter dem Titel „Alle Finsternisse sind schlafendes Licht“ abseits der bekannteren Verlage. Im Jahr 1981 wurden sie neu aufgelegt, erweitert um Gedichte, die Heynicke, so die etwas geschraubte Vorbemerkung, „in seinem neunten Lebensjahrzehnt schrieb oder die er in dieser Zeit zur Vollendung brachte“. Diese teils gereimten und gebundenen, aber metrisch nicht biederen, teils freien Verse reden auch von der Situation des Schreibenden. Es geschieht häufig im Gestus des Ratschlags, der Selbstermunterung, die sich zur Selbstbeschwörung überhöhen kann: „wische dein Weltall vom Fenster, / lösch den verwehenden Schein, / folge dem Ruf der Gespenster, / lerne, gewesen zu sein“.

Also ist nicht nur die Dichtung, sondern das Leben selbst „Schein“; beide zusammen wird man verlassen müssen. Das klingt nach einer naheliegenden Einsicht, gegen deren Selbstverständlichkeit der alternde Autor seinen Widerstand aufgab. Doch das Gegenteil ist richtig. Die Verse setzen eine große Nähe von Lyrik und Leben voraus, sie spielen sogar, wenn auch auf etwas gewaltsame Weise, mit dem Gedanken ihrer Identität: die „Spuren“ eines Lebens sollen geeint werden „mit dem weglosen Wind“. Ein Widerruf, geschrieben in dem Medium, gegen das er sich wendet? Eine letzte Botschaft? Man liest es besser als eine Anfechtung. Schon das nächste Gedicht im Band heißt „Mehr“ und enthält die Schlußzeilen: „und/mehr/hat jede beflügelte Flucht unter dem Fittich/als Tod“.

Diese Aufschwünge sind in die traditionellen Metaphern des Fliegens gekleidet, die noch durch spätexpressionistische Wortschöpfungen schimmern: „wenn die Lerche den Triller dreht,/flügle ich mit“. Aber solch hohe Gestimmtheiten sind es, die alle Ermüdungen und Augenblicke der Erschöpfung überwinden. Das gibt den späten Gedichten Heynickes etwas Tröstendes, Sinnversprechendes, auch wenn der Ablauf des letzten halben Jahrhunderts zu dunklen, aufgerissenen Bildern zwingt, in denen die Menschen „nomadisch“ zwischen Wohn- und Trümmerstätten umhergetrieben werden.

Jedoch gibt Heynicke der Ahnung nicht nach, das Leben könne, von seinem Ende her gesehen, nur Niederlage, vergebliche Anstrengung sein. Das Leid ist umwandelbar in Weisheit; ihr Ausdruck allerdings sind die Tränen, wozu es in „Aufruhr“ heißt: „Unsere Empörungen werden geweint.“ Und so wie der Lyriker den Vorgang, sich bei einem Schluck Wein Erinnerungen hinzugeben, da „der Krug aller Krüge / ... voll von Erinnerung“ ist, zur Aufforderung kürzt: „trinke Erinnerung“, so verdichten sich die Tränen, denen die Empörung folgt, zur geweinten Empörung. Im Aufruhr selbst ist dessen Scheitern inbegriffen, und wo er in den „Umsturz“ mündet, wird „der Neuherr / heilig gesprochen“, und „hinter dem Richtplatz wächst die Schädelstatt an“.

Man ist versucht, an die Entwicklung im Iran zu denken, aber diese eingrenzende Aktualisierung bliebe ein wohlmeinender, deshalb unnötiger Hinweis. Die Reflexion konkreter geschichtlicher Ereignisse ist nicht das Zentrum von Heynickes Werk, von daher leitet er weder seinen Wunsch noch die Not zu singen her. Aber die Geschichte ist im Werk anwesend; es erscheint durchgeistert vom Pathos der Moderne zwischen den Weltkriegen, von ihrem humanen und oft politischen Engagement. Davon heben sich Heynickes Verse ab durch das „geliehene Licht“, das sie bringen wollen. Es ist nicht das der Aufklärung oder das kristallgeprüfte Licht der reinen Poesie, sondern das des christlich abendländischen Gottes. Der Lyriker möchte „seine Orgel“ sein, ohne sich deshalb als Mittler zwischen ihm und den Menschen zu versuchen, wie es Hölderlin anstrebte (allerdings mit dem politischen Ziel, eine neue, Mythos und Philosophie verbindende Religion zu schaffen). Heynicke spricht als Schuldiger: „Alles Gelebte ist Leihgab.“

Ich verhehle nicht, daß mir diese religiös genügsamen, zu einem ewigen Gott redenden Gedichte ferner stehen als die anderen, in denen Gott nicht zum Thema wird und die ebenfalls dem lyrischen Sprechen der fünfziger Jahre verwandt sind. Zum einen hat die Lyrik dieses und des folgenden Jahrzehnts eine Wurzel im Expressionismus, zum anderen ist auch der persönliche Stil von einem Zeitstil durchsetzt, ihm abgerungen oder gegen ihn gewonnen, und hinterläßt noch in der Negation seine Spuren. Auffallend viele Wortneubildungen gibt es, die oft das Gewicht des Verses tragen und aus mehr oder weniger ungleichartigen Wörtern bestehen wie die „Blinkschrift“, der „Hundertmund“ oder, evidenter als diese beiden, „das Abendgeheime, der Friede“. Häufig finden sich auch gestutzte Substantivierungen wie das „Geträum“ oder, etwas abwegig, der „Ausschlich“. Daneben erscheinen Genetivmetaphern (Metaphern überhaupt), das „Astwerk der Dämmerung“.