Von Michael Naura

In einem Kurzfilm aus den vierziger Jahren sieht man den amerikanischen Pianisten Fats Waller, wie er "Honeysuckle Rose" singt und spielt. Der Gin-Freund und Lebenskünstler ist umringt von attraktiven Damen. Eine von ihnen sitzt auf dem Flügel, lächelt, was ihre Zähne hergeben und streckt ihre langen Beine. Quell der Inspiration. Himmel, waren das noch Zeiten!

Heute bevorzugen die Jazzmusiker statt der flüssigen Gifte gewisse Rauchschwaden, mit denen man sich nach innen zurückzieht, und statt des Ewigweiblichen auf dem Lack des Flügels erblickt man Elektrogeräte: Synthesizer, Phase-Shifter und so weiter. Alles Apparaturen, mit denen man Klänge erzeugen oder verändern kann. Das ist halb so lustig wie eine schöne Frau auf dem Klavier und ungefähr zehnmal so laut wie das, was einst Fats Waller spielte.

Aber auch die Musik ist ja längst nicht mehr so heiter wie damals, als der dicke Waller noch sang: "The joint is jumping". Der Jazz, ach, das Leben überhaupt, eine irre Fete? Das ist vorbei. Die achtziger Jahre sind das perfekte Gegenstück zu den Roaring Forties. Auch im Jazz. Es gibt nicht mehr viel zu lachen. Einer der jungen Pianisten in Deutschland, die auch Maschinisten sind, ist Rainer Brüninghaus. Seine jüngste Schallplatte heißt:

Rainer Brüninghaus: "Freigeweht"; ECM Records 1187.

Er ist 32 Jahre alt und sieht aus wie ein Sohn des Physikers Oppenheimer. Ernst und gesammelt. Konzentration ist auch dringend erforderlich, wenn Brüninghaus mit seiner Band auftritt. Er muß als Tastenspieler zahlreiche Instrumente und elektronische Programme koordinieren. Ein Knopfdruck, und einer seiner Musik-Roboter beginnt mit einer endlosen Figur. Ein zweiter Druck auf eine Taste, eine Lampe blinkt auf, und ein Akkord klingt solange im Ohr, wie es sein Meister, der diese Geister abruft, wünscht. Das ist zweifellos Musik im Playbackverfahren, sie könnte dem Gehirn von George Orwell entsprungen sein. Und der Flügel, dieses in Handarbeit hergestellte Meisterwerk aus Holz, Metall und Elfenbein, klingt in diesem Sirren und Sausen der Elektronik ganz verloren.

Und vor allem viel zu leise. Mit einem Pickup muß er verstärkt werden. Dadurch werden auch gewisse negative Eigenschaften überproportional aufgebläht. Was ohne die Hilfe der Elektrizitätswerke noch ganz köstlich klang, erinnert nun an die Geräusche einer fahrenden Eisenbahn. Und dann muß Brüninghaus natürlich aufpassen, was Markus Stockhausen, der Sohn des berühmten Komponisten, auf der Trompete spielt. Stockhausen ist ebenfalls "am Strom angeschlossen" und klingt gelegentlich wie eine seltsame Orgel. Nur der dritte Mann, Fredy Studer, ist mit seinem Schlagzeug unverstärkt.