Von Verena T. E. Auffermann

Andere fliegen nach Afrika. Sie liegt im Bett. Andere lieben das Geld. Sie liebt den lieben Gott. Andere hüten ihren Ruf, sie setzt ihn aufs Spiel. Andere pfeifen ihr Lied mit den Spatzen vom Dach. Sie schreibt ihr Leid mit Tinte aufs Papier. Schlägt anderen die Stunde des Wohlstands, klebt bei ihr ein Kuckuck auf der Uhr. „Ich bin da“, hat die Schriftstellerin Elisabeth Alexander mit weißer Kreide auf die Schultafel im Flur ihrer Heidelberger Dachwohnung gemalt.

Kein Zweifel, die Frau, die seit Mitte der sechziger Jahre Gedichte, Kurzgeschichten, Romane schreibt, als sitze ihr der Allmächtige persönlich im Nacken, ist da. Nicht zu übersehen in der mütterlichen Fülle ihres Leibes und nicht zu überhören in der weiblichen Aufrichtigkeit ihres Geistes. Ihr Selbstbewußtsein als Schriftstellerin ist so jung wie ihr erstes – 1978 erschienenes – romanhaftes Glaubensbekenntnis: „Die törichte Jungfrau“. Die törichte Jungfrau nennt sich Josefine Bahr und heißt in Wahrheit Elisabeth Alexander. Die Törichte will zwei auf einmal lieben: Gott im Himmel und Eros auf Erden. An Gott stellt sie Fragen ohne Furcht und Wünsche ohne Bescheidenheit. „Jeden Tag ein bißchen Gott sein“, sagt Josefine Bahr, „das hat er gern“, und geht, eben noch Mädchen, mit allen Sinnen Eros suchen.

Elisabeth Alexander hat ihre Josefine in schamloser Offenheit, weil sie nichts „Schamloses“ an Josefines Körper entdecken konnte, in die Höhen der Liebe und die Tiefen des Lebens eingeführt.

Neugierde, sagt die Alexander, sei alles, was sie von zu Hause mitbekommen habe. Diese übermütige Eigenschaft hat ihr den Platz zwischen den Stühlen reserviert. Einem weiblichen Detektiv öffnet man nicht ohne Zögern die Tür. Elisabeth Alexander ist zwischen der Zeit geboren. Zwischen der Zeit der Vielkinderfamilie und der umhegter Zweierbeziehungen. Sie ist unmodern, weil sie den Moden nicht über den Weg traut, wohl aber ihrem eigenen Kopf. Den hatte sie schon als Kind. Aufgewachsen als eine unter vielen in einer rheinischen Kleinstadt entführte sie das „Jauchzet frohlocket“ von Cherubin und Seraphim mitten im Sonntagsgottesdienst in den Wolkenhimmel der Phantasie. Zweimal sieben gute, zweimal sieben schlechte Jahre und so weiter, bis in ihr fünfzigstes Jahr.

Gut war die Unschuld, in der sie reinen Gewissens begann, die Welt zu ergründen. Schlecht der Spott, den Elisabeth Alexander dafür auf sich lud. Gut war ihre Beharrlichkeit, mit der sie sich ohne Hilfe, ohne Schutz vortastete im Dschungel literarischer Haupt- und Nebenwege. So hatte sie nichts außer ihrer Fassung zu verlieren, als der Verleger ihrer „Törichten Jungfrau“ Konkurs anmeldete und als ihr erster literarischer Erfolg, aus dem einige Kritiker einen Mißerfolg machten, sich so störrisch anstellte wie ein Sonnenstrahl im Winter. Was die Moralapostel in Erica Jongs „Angst vorm Fliegen“ genüßlich absegneten, verurteilten sie bei Elisabeth Alexander als pornographischen Exhibitionismus.

Elisabeth Alexander beansprucht als Hauptwohnsitz das Bett. Das Kinderbett, das Ehebett, das alleinige Bett. Das Bett ist ihr Gedankenversteck und ihr Seelenwärmer. Da sitzt die arme Poetin unter Decken und schrägen Wänden und schreibt in ein blaues Buch nach dem anderen. „Bums“ heißt ihr erster, 1971 erschienener Gedichtband. „Bürgerliche Texte“ nannte sie die 1975 erschienenen Erzählungen „Die Frau die lachte“. 1976 folgte die Lyriksammlung „Ich bin kein Pferd“, 1977 das Kindermärchen „Fritte Pomme“, und 1979 unter dem Titel „Ich hänge mich ans schwarze Brett“ noch einmal Gedichte. Elisabeth Alexander ist eine plebejische Poetin. Sie schreibt für den allgemeinen Leser, nicht für den „besonderen“. Wütend wie Blitz und Donner entlädt sie in oft knappen Versen ihren Alltagszorn. Sie sucht nach Gerechtigkeit; wortreich in armer Zeit.