Von Martin Posth

Hohe Arbeitslosigkeit, steigende Inflationsraten und eine Wirtschaft, die in diesem Jahrzehnt einen tiefgreifenden Strukturwandel bewältigen muß – das alles erfordert auch ein Umdenken in der Tarifpolitik. Führende Gewerkschaftsvertreter haben ihr Konzept für dieses Jahrzehnt in der ZEIT skizziert. Zum Abschluß schreibt aus der Sicht der Unternehmer Martin Posth, Vorstandsmitglied von Audi NSU.

Die bisher vorliegenden Ergebnisse der Tarifrunde haben – alles in allem – zu vertretbaren Ergebnissen geführt. Trotzdem besteht zur Selbstgefälligkeit kein Anlaß. Vieles wird in den achtziger Jahren davon abhängen, inwieweit sich die Träger der Tarifpolitik auf ihre gesellschaftlich gestaltende Funktion besinnen und die wirtschafts- und sozialpolitische Verantwortung auch wahrnehmen, die ihnen im Rahmen der Tarifautonomie nicht nur eingeräumt, sondern abverlangt wird.

  • Die Tarifpartner müssen deshalb in den nächsten Jahren die Kraft aufbringen, eher weniger zu verteilen als alles (oder gar mehr), was gemeinsam erarbeitet wird. Es geht dabei nicht um die Übernahme des „Modells Japan“ oder jetzt auch des „Vorbilds USA“. Aber es lohnt sich schon, über die Ursachen nachzudenken, warum die Sozialpartner in der einen Industriemacht tendenziell weniger verteilen als erwirtschaftet wird und sich in der anderen zu Kürzungen der Entgelt- und Sozialleistungen veranlaßt sehen.
  • Es ist an der Zeit, gemeinsam für die nächsten Jahre einer reinen Entgeltpolitik eine Absage zu erteilen. Statt dessen muß in der tarifpolitischen Diskussion das Thema Tarifrente vorurteilsfrei ausgelotet werden. Ebenso muß über Möglichkeiten einer noch flexibleren Arbeitszeitgestaltung sowie über eine Gewinn- und Vermögensbeteiligung der Arbeitnehmer frei von Ideologie und ohne Tabus nachgedacht werden. Wir sind nicht allein deswegen von der Pflicht zur kritischen Prüfung entbunden, weil solche Initiativen mit zusätzlichen Kosten verbunden sind.
  • Angesichts enger gewordener Verteilungsspielräume sollte auch überdacht werden, ob jährliche Tarifrunden und die sie begleitenden und nicht immer mehr angemessenen Rituale zwingend und unumstößlich als Eckpfeiler der Tarifpolitik erhalten bleiben müssen.
  • Im Bereich des öffentlichen Dienstes sollte sich die Einsicht breitmachen, daß bei quasigarantierten Arbeitsplätzen andere tarifpolitische Verteilungsmaßstäbe angelegt werden müssen als dort, wo drohender Arbeitsplatzverlust das Problem der Stunde ist.

Wenn wir – Unternehmer, Arbeitgeber und unsere Verbände – den Grundkonsens der Tarifpartner in prinzipiellen Fragen wie Ausbau der marktwirtschaftlichen Ordnung, Leistungsdifferenzierung statt Nivellierung, Bekenntnis zum technischen Fortschritt fordern und wollen, sollten wir uns stärker als bisher aus der Defensive, aus der manchmal begründeten und legitimen Position des „Nein“ herauslösen und zu einer offensiveren Strategie übergehen. Wir dürfen deshalb nicht immer nur dem gesellschaftlichen Wandel abwartend gegenüberstehen, manche seiner Erscheinungsformen beklagen, sondern müssen ihn aktiv mitgestalten, um nicht selbst später unerwünschten Sachzwängen ausgesetzt zu sein.

Wir in den Unternehmen und Betrieben sollten mehr denn je die sozial verträgliche Bewältigung des technologischen Wandels als unsere ureigenste unternehmerische Aufgabenstellung begreifen. Heute wird die Lösung der den Mitarbeitern daraus entstehenden Probleme zu oft noch den Tarifpartnern oder gar dem Gesetzgeber überlassen. Das Wehklagen über die Einengung des unternehmenspolitischen Spielraums wirkt insofern wenig überzeugend.

Tarifpolitik ist und bleibt auch in den achtziger Jahren „Politik“, also ein Austragen von Interessengegensätzen und damit letzten Endes Ausdruck der jeweiligen Machtverhältnisse in der Gesellschaft. Wir brauchen deshalb einen ständigen, offensiv geführten gesellschaftlichen Dialog in und mit der Öffentlichkeit, dem sich der Unternehmer und Arbeitgeber von heute nicht mehr verschließen darf. Diskussionen nur in internen Arbeitgeberzirkeln, in abgeschotteten Klausurtagungen der Verbandsfunktionäre werden dieser ernsten Aufgabe nicht gerecht.

Notwendig ist, daß wir hart in der Sache, überzeugend in der Argumentation, dabei konfliktbereit, aber auch konsensfähig und kompromißwillig sind – und vor allen Dingen glaubwürdig! Eine so verstandene Solidarität und Offenheit auf Arbeitgeberseite würde dazu beitragen, die Tarifautonomie in den achtziger Jahren zu stärken.