Von Hermann Rudolph

Dies ist ein aufregendes Buch. Es läßt noch einmal alle die Vorgänge und Ereignisse Revue passieren, die uns in den vergangenen ein, zwei Jahren so nachdrücklich aus der Alltags-Routine aufgestört haben, die sterile Aufgeregtheit des Wahlkampfes 1980 wie den Hamburger Kirchentag, die Auseinandersetzungen um die Berliner Hausbesetzungen wie das plötzliche, mächtige Auftreten einer Friedensbewegung. Es ruft das ganze zerklüftete Panorama von Unbehagen, Zweifel und Unsicherheit in Erinnerung, das dieser Zeitraum für jeden bereit gehalten hat, der sich ihm ausgesetzt hat. Vor allem aber läßt das Buch nicht gleichgültig, weil sein Autor erkennen läßt, daß er selbst umgetrieben und herausgefordert ist: sehr ungeschützt und sehr einseitig, empfindlich bis zur Sentimentalität, nachdenklich und streitbar und bei alledem getragen von einer starken Menschlichkeit.

Das alles nimmt nicht wunder, denn das Buch ist das Zeugnis der Existenz eines Mannes, an dem sich die Geister scheiden wie kaum an jemand anderem, der für die einen zur moralischpolitischen Instanz, für die anderen zum Ärgernis geworden ist –

Heinrich Albertz: „Blumen für Stukenbrock. Biographisches“; Radius-Verlag, Stuttgart 1981, 296 S., 34,– DM.

Es sind die Aufzeichnungen eines Jahres, vom September 1980 bis zum August 1981. Aber es handelt sich um mehr als um ein Tage- oder Wochenbuch: Zugleich ist es Erinnerung, Rückblick, Versuch der Rechenschaft, auch der Selbstrechtfertigung. Das Protokoll eines unruhigen Jahres wird zur Autobiographie, aber die Autobiographie verselbständigt sich niemals ganz: Ins Heute wächst das Gestern und Vorgestern hinein, ganz ungezwungen, so selbstverständlich, wie es ja auch im Leben geschieht, und zwischen und in den realen Vorgängen dieses Jahres, den Reden und Reisen, den Auseinandersetzungen und privaten Ereignissen gewinnt so der Umriß des Lebens dieses Heinrich Albertz Gestalt, seine Stationen, seine Erlebnis- und Erfahrungsschichten.

Diese Dimension, dieser überall spürbar werdende Untergrund gelebten Lebens, der da in Heinrich Albertz’ Erinnerungen und Nachdenklichkeiten in unser aller Gegenwart hineinragt, macht das Buch vor allem anderem so eindrucksvoll. Aber es stiftet auch seinen Erkenntniswert. Denn es macht unübersehbar klar: dies ist nun, endlich einmal, ein wirklicher Konservativer. Was ihn zu dem macht, was er ist, diesem Monument massiver Unbeirrbarkeit und Unverwechselbarkeit, das ist seine tiefe Verwurzelung in einer Vergangenheit, die fast spurenlos versunken ist. So wie sie ihn innerlich noch immer festhält, so ergreift die Erinnerung an sie den Leser: das Schlesien seiner Kindheit und Jugend – der Verlust, so bekennt Albertz, „schmerzt immer noch – nach 35 Jahren“ – die „Geisterstadt“ Breslau, in der er aufwuchs, die Welt seiner Herkunft.

Im Hintergrund dieses Lebens, das sich mit solcher Leidenschaft den Herausforderungen des Tages aussetzt, leuchten noch immer pommersche Pfarrgärten, „duftende Reseda, unzählige Johannisbeersträucher“. So sehr Albertz intellektuell und theologisch zerfallen ist mit dem, was er die „deutschnationale Pastorenkirche“ seiner Kindheit nennt, so sehr ist noch das dazu gehörende kirchlich-bürgerliche Milieu gegenwärtig – seine karge, selbstverständliche Rechtschaffenheit, seine Studierzimmer, seine Vatergestalten, seine über Generationen hin bergend und beengend zugleich aufgebauten Lebensformen. Und es erscheint da fast nicht mehr als Zufall – obwohl es, natürlich, die Umstände waren, die den im Dritten Reich mißliebig aufgefallenen jungen Theologen eine Zuflucht suchen hießen –, daß Albertz’ Lebensweg auch noch über die Stufe einer Hauslehrer-Existenz bei einem Zweig der Fürsten Reuss führte, also zurück zu einem „altväterischen Gewerbe“, wie es junge Pfarrer und Lehrer in früheren Jahrhunderten betrieben (genauso übrigens wie sein Mitstreiter Helmut Gollwitzer, der bei der thüringischen Linie des Hauses in Diensten stand).