Von Dietrich Strothmann

Wer wollte leugnen, wäre er nicht böswillig, daß Menachem Begin Frieden will? Nur: Keiner kann bestreiten, daß er Frieden ausschließlich zu seinen Bedingungen will. Einen mit den Palästinensern fair ausgehandelten Frieden jedenfalls lehnt er ab – um so schroffer, je stärker er physisch angeschlagen ist und politisch gebeutelt wird. Unter "Autonomie" für die Palästinenser hat Begin schon während der Verhandlungen in Camp David etwas ganz anderes verstanden als die Amerikaner und die Ägypter. Was, das demonstrierte er letzte Woche im Westjordanland und in Gaza: Schießen (auf Steine werfende Jugendliche) und Feuern (von drei mit der PLO sympathisierenden Bürgermeistern). Mit seiner Siedlungspolitik schafft er derweil vollzogene Tatsachen: Annexion auf kaltem Wege.

Mit den Autonomie-Abreden von Camp David, mit den Zusagen an die Amerikaner und den Absprachen mit den Ägyptern hat dies alles nur noch wenig zu tun. In diesen Tagen, wo er die störrischen Siedler mit Hilfe der Armee aus Jamit vertreiben muß und der endgültige Rückzug aus dem letzten Drittel des Sinai unmittelbar bevorsteht, enthüllt sich Begin in der Westjordan-Frage als unnachgiebig. Was viele vermutet und befürchtet hatten, bewahrheitet sich nun: Er läßt den Sinai räumen, für ihn kein biblisches Land, aber in Samaria und Judäa – eben dem Westjordanland – krallt er sich fest. Wenn es nach ihm ginge, für alle Zeiten.

Die Gelegenheit, seinen Souveränitätsanspruch mit harter Hand zu exekutieren, war freilich günstig wie selten zuvor. Israels arabische Nachbarn sind mit ihren eigenen Kriegen und Krisen beschäftigt; die Amerikaner haben den Kopf voll mit Mittelamerika und der Sowjetunion, mit Problemen ihrer Rüstung und Wirtschaft; den Europäern schließlich brennen derzeit andere Dinge auf den Nägeln als der Nahe Osten. Jenen Anhängern Groß-Israels, die ihm die Räumung Jamits als Verstoß gegen den Kodex des Zionismus vorhalten, wollte Begin unter diesen Umständen relativ gefahrlos ein Zeichen seiner Unbeugsamkeit geben: Vom Jordan weicht er keinen Schritt zurück.

Nach dem 25. April, dem endgültigen Abzug vom Sinai, wird Israel die letzte Friedens-Auflage gegenüber den Ägyptern erfüllt haben. Camp David wird danach nur noch ein Kapitel in den Geschichtsbüchern sein. Was einst Jimmy Carter mißlang, Begin von der fortgesetzten schleichenden Annexion palästinensischen Territoriums abzuhalten, wird Ronald Reagan im amerikanischen Wahljahr ebensowenig gelingen. Auch haben Washingtons Druckmittel immer nur kurzfristig gewirkt. Im Notfall ist Israel immer noch Amerikas stabilster, verläßlichster Partner in der maroden Mittelostregion. Und im Ernstfall stehen auch die skeptischen Juden in Amerika geschlossen hinter Jerusalem, wer immer dort regiert.

Nun aber droht neue Gefahr: Der Ausgleich mit Ägypten ist bedroht. Präsident Hosni Mubarak, der Realist nach dem Visionär Sadat, läßt nichts unversucht, in den Schoß der arabischen Familie zurückzukehren. Seinen Sinai hat er zurück. Was kann er von den Israelis noch mehr wollen? Begins Kolonialpolitik gegenüber den Palästinensern könnte ihm den Anlaß liefern, sich in die Front der Harten einzureihen.

Wenn es denn ein Trost ist: Viel können die Araber dem jüdischen Staat gegenwärtig nicht anhaben. Krieg? Die Syrer müssen ihren eigenen Bürgerkrieg führen; die Jordanier sind verwundbar wie kein anderer Nachbar Israels; die Iraker stehen im Kampf gegen den Iran; die Saudis sind weitab vom Schuß; die Ägypter, die erst ihre Raketen und Panzer über den Kanal transportieren müßten, werden es nicht wagen, den gemeinsam mit den Amerikanern abgeschlossenen, von den Amerikanern überwachten Friedensvertrag zunichte zu machen.