„Die Zelle“, Roman von Horst Bienek. Es gibt Bücher, die mit der Zeit stärker werden. Die biographische Aktualität, mit der die Voreingenommenheit der Kritik oft einhergeht, lastet nicht mehr auf ihnen. Horst Bienek hatte das „Traumbuch eines Gefangenen“ und die „Nachtstücke“, Gedichte und Prosastücke, an die poetische Aufarbeitung traumatischer Erlebnisse verwendet. Mit dem Roman „Die Zelle“ – der Beschreibung eines Mannes, der in seiner Zelle liegt und auf sein Verhör wartet – erreichte er 1968 als Prosaist eine höhere Stufe. Das Thema Gefangenschaft war, aus verbürgter Erfahrung, abstrahiert und metaphorisch allgemeiner gefaßt. Damit hatte er es aber zugleich auch hinter sich gelassen. Jetzt, in der mit einem autobiographischen Nachwort versehenen Neuausgabe, liest sich der Roman als ein komplexes Werk, fast schon als literarisches Dokument einer Generation, die unvorbereitet in den Archipel Gulag geriet. Das Buch löst nach wie vor Erschütterung aus, und zugleich behauptet es seinen literarischen Rang als ein Stück „lazarenischer Literatur“ im Sinne von Jean Cayrol: Alle Handlung liegt in der Auslotung der seelischen Spannung, die den Erlebnissen der Gefangenschaft zugrunde liegt. Ich rechne es zu den zehn wichtigsten Büchern, die über das System der Kommissare und der Sonnenfinsternis geschrieben worden sind. (Hanser Verlag, München, 1982; 184 S., 28,– DM.) Martin Gregor-Dellin