Krefeld: „Erwin Heerich – Räumliche und flächige Diagramme“

Das für einen Künstler so seltene Geschenk einer kongenialen Raumsituation für seine Arbeiten erhielt der Düsseldorfer Bildhauer Erwin Heerich zu seinem sechzigsten Geburtstag. Die klassischen Proportionen der Villa Esters in Krefeld – dem zweiten von Mies van der Rohe erbauten Wohnhaus neben dem „Haus Lange“, das nun seit einiger Zeit ebenfalls als Ausstellungsraum zur Verfügung steht – hat Heerich als Herausforderung begriffen und angenommen. Vor allem seine Plastiken in dieser Ausstellung, vorwiegend Arbeiten aus dem von ihm bevorzugten Material Karton sowie weiß gespritztem Holz, sind in ihrem logischen Aufbau wie in ihrer Anordnung auf den Menschen als dem alleinigen Maßstab bezogen. Monumentalität, nach wie vor eine für die Bildhauerei wie für die Architektur entscheidende Kategorie, ist weder bei Mies noch bei Heerich von Volumina oder Masse abhängig, sondern bemißt sich ausschließlich nach den Proportionen, in denen die einzelnen Elemente zueinander angeordnet sind. Heerich ist oft mißverstanden worden, weil er sich konsequent der Auffassung verweigert hat, die allein in der Überdimensionierung der äußeren Faktoren einer Plastik einen künstlerischen Maßstab suchte. Statt dessen entfaltet Heerich seine Körper aus dem zweidimensionalen Grundplan in den dreidimensionalen Raum. „Die Plastik wird definiert durch ihren Mantel“, schreibt Julian Heynen im Katalog der Ausstellung und entschlüsselt damit eines der Geheimnisse dieser so fragil wirkenden Arbeiten. Die Verbindung zwischen sinnlich wahrnehmbarer Anschauung und jederzeit überprüfbarer Konstruktion ist immer gegeben. Selten wurde auch so deutlich, was den Unterschied der Zeichnungen zu den bildhauerischen Arbeiten ausmacht. Wirken sie auf den flüchtigen Betrachter wie Konstruktionspläne zu den Plastiken, so offenbaren sie bei intensiver Beschäftigung die spielerischen Möglichkeiten dieses Werkes. Man wird unwillkürlich an die graphischen Arbeiten von Josef Albers erinnert, die so unberechtigt von der Modeerscheinung der Op Art vereinnahmt worden sind und die in Wahrheit Grundlagenforschung eines neuen, ebenso sinnlichen wie rationalen Sehens waren. „Sehen setzt hier ein Schauen voraus (wie in Weltanschauung) und ist geknüpft an Phantasie.“ Dies schrieb Josef Albers zwar im Zusammenhang mit seinen Farbuntersuchungen, es läßt sich aber auch auf die graphischen Arbeiten in Schwarz-Weiß anwenden. Heerich führt in seinen Diagrammen vor, wie ambivalent das Verhältniszwischen flächigen und räumlichen Strukturen in der Rezeption sein kann und welchen Reiz es ausmacht, sich einer solchen offenen Situation in einem Kunstwerk hinzugeben, es gleichsam im Betrachten für sich optisch zu definieren. Selbst in einer so vergleichsweise kleinen Ausstellung wird deutlich, daß in diesen Arbeiten die Summe eines konsequent geplanten künstlerischen Prozesses gezogen wird. Dabei erscheint nie das mathematische Kalkül, die reine Zahl oder die kalte Logik als Motiv der künstlerischen Anstrengung, sondern die so exakt anmutenden Formen werden in einer fast traditionell klassisch wirkenden Art und Weise aus der reinen Anschauung gewonnen. Das Werk von Erwin Heerich, in das auch intensive Studien zu Themen der Monumentalität und des Verhältnisses zum menschlichen Maß an außereuropäischen Kulturen (Maja) eingegangen sind, gehört heute zu den bedeutendsten Formulierungen im Zusammenhang der konstruktiven Kunst. (Villa Esters bis zum 25. April; Katalog 10 Mark)

Hans-Peter Riese

Kaiserslautern: „Hans von Marées – Zeichnungen“

Die „Männliche Aktstudie“ von 1879 hat die Hüftwülste des „Epheben des Kritios“ und den mit sich beschäftigten Blick des „Knaben von Marathon“. An der „Idylle I“ aus dem Jahre 1873 fällt vor allem der Putto auf, dessen fleischiger Kleinleib einen unmäßigen Schädel zu tragen hat. Beide Bildbefunde markieren das Register möglicher Erfahrungen in dieser Ausstellung. Sie bemessen sich nach dem großen antiken Formenideal auf der einen Seite und nach den etwas kläglichen Darstellungsmitteln auf der anderen. Die Ausstellung, die eigentlich – wie es in einer der schwindelerregenden Beschwörungsformeln des Katalogs heißt. – „zeitlos Gültiges“ aufweisen möchte, verrät indessen ihren Künstler, illustriert die Anstrengung, vor der sie kniet, als recht wunderliche Überanstrengung. War schon der Ruf des Malers Hans von Marées nie gefestigt und hat stets der Hilfestellung enthusiasmierter Interpreten bedurft (von Julius Meier-Graefe über Theodor Heuss bis zu den Veranstaltern in Kaiserslautern), so gewinnt er auch nicht vom Zeichner. Die versammelten Zeichnungen, in aller Regel Studien ohne selbständigen bildhaften Reiz und nur den späten Rom-Jahren zugehörig, beschreiben knapp den Fluchtraum eines Künstlers, der sich vor den Fragen seiner Zeit nach den Bedingungen und Möglichkeiten ästhetischer Praxis zurückziehen wollte und spät, zu spät selbst für das antikisierende und historisierende 19. Jahrhundert, dem Wesen der Kunst schlechthin nachging. Mit seinen hehr und düster illuminierten Malereientwürfen („Lob der Bescheidenheit“, „Goldenes Zeitalter“, „Werbung“ und „Abschiednehmen“) mußte der letzte Romflüchtling natürlich vereinsamen – zumal er eben auch als Zeichner, wie die Ausstellung belegt, den Beweis schuldig geblieben ist, daß das späte 19. Jahrhundert noch einer klassischen Nachlieferung bedürftig gewesen wäre. Ohne den Anspruch, auf dem sie thronen, wäre man jedenfalls mit diesen Blättern ziemlich ratlos. An Cézanne sei zu denken, an Delacroix, gemahnen die Marées-Hagiographen. Cézannes Ökonomie der Mittel, Delacroix’ lineare Artistik – die Ausstellung schweigt dazu. Nur der Katalog singt einschüchternd vom „Schönen und Wahren“. (Pfalzgalerie bis zum 25. April; Katalog 18 Mark)

Hans-Joachim Müller

Wichtige Ausstellungen