Mit Streiks und Demonstrationen kämpfen wallonische Stahlarbeiter gegen Stillegungen

Bilder, wie sie das belgische Fernsehen kürzlich nach dem Protestmarsch von mehr als 10 000 wallonischen Stahlarbeitern durch Brüssel ausstrahlte, kannten die Zuschauer zwischen Ardennen und Nordsee bislang vor allem aus Berichten über Nordirland, Beirut oder die Startbahn West in Frankfurt. Vermummte Demonstranten lieferten sich eine stundenlange Straßenschlacht mit der Polizei, Schaufensterscheiben gingen zu Bruch, Geschäfte wurden geplündert, umgestürzte Autos gingen in Flammen auf, und ein leerstehendes Hotel wurde angezündet.

Die gewalttätige Auseinandersetzung in den Straßen Brüssels war der bisherige Höhepunkt in der seit Wochen andauernden Serie von Ausständen, Demonstrationen, Fabrik- und Bahnhofbesetzungen, die das Leben in den krisengeschüttelten Stahlrevieren der Wallonie kennzeichnen. Der „Kampf bis zum Ende“, zu dem die „Metallos“ von Lüttich und Charleroi angetreten sind, richtet sich gegen drohende Werksschließungen und den Verlust von Tausenden von Arbeitsplätzen in dem erst vor einem Jahr aus Fusionen entstandenen Stahlkonzern Cockerill-Sambre.

Mit einer Produktionskapazität von elf Millionen Tonnen Rohstahl ist der aus den traditionsreichen Lütticher Cockerill-Werken und der Triangle-Gruppe von Charleroi geschmiedete Stahlgigant immerhin der sechstgrößte Stahlproduzent in den zehn Ländern der Europäischen Gemeinschaft (EG). Doch mit durchschnittlich nur zur Hälfte ausgelasteten Gießereien und Walzwerken steckt Cockerill-Sambre tief in den roten Zahlen. Mit rund siebzehn Milliarden belgischen Franken, nach heutigem Wechselkurs etwa 900 Millionen Mark, die im vergangenen Jahr aus Steuermitteln zur Abdeckung der Verluste aufgewendet wurden, ist der zu achtzig Prozent in Staatseigentum befindliche Konzern auch einer der größten Subventionsempfänger der europäischen Stahlindustrie.

Für das laufende Jahr hatte man ursprünglich mit Verlusten in Höhe von 4,7 Milliarden Franken (250 Millionen Mark) gerechnet. Nach Schätzungen der Brüsseler EG-Kommission werden jedoch schon Ende dieses Monats drei Milliarden Franken Verlust in den Büchern des Konzerns stehen. Auch noch 1985, wenn nach den Beschlüssen des Ministerrats der Europäischen Gemeinschaft alle bislang noch geduldeten staatlichen Beihilfen für die Stahlindustrie auslaufen, wird Cockerill-Sambre je nach Entwicklung der Stahlpreise 5,7 bis 18,8 Milliarden Franken Verlust machen, wie aus einem Gutachten der amerikanischen Unternehmensberater McKinsey hervorgeht. Bei dieser pessimistischen Voraussage stützen sich die amerikanischen Experten, wie sie die EG-Kommissare als Auftraggeber wissen ließen, noch auf lauter optimistische Annahmen. Die wahre Größenordnung der zukünftigen Verluste könnte also noch weit gewaltiger sein.

Unter Berufung auf die Ergebnisse der McKinsey-Analyse sprach sich die EG-Kommission Anfang März gegen die Verwirklichung der Sanierungspläne aus, so wie sie die belgische Regierung vor einem Jahr mit Unternehmensleitung und Gewerkschaften für die wallonische Stahlindustrie ausgebrütet hatte. Grundlage dieser Pläne ist ein Gutachten, das der japanische Stahlkonzern Nippon Steel den Brüsselern angefertigt hatte. Danach sollte die Produktionskapazität von Cockerill-Sambre auf 8,5 Millionen Tonnen Rohstahl reduziert und die Beschäftigung von 25 000 auf 20 000 verringert werden. Gleichzeitig sollte die Produktion mit der Errichtung von neuen Stranggußanlagen in Lüttich und Charleroi auf den modernsten Stand gebracht werden.

Die Brüsseler EG-Kommission, deren belgischer Vizepräsident Graf Davignon Europas kriselnde Stahlindustrie gerade unter die Fuchtel obligatorischer Produktionsquoten gezwungen hatte, hatte diesen Sanierungsplänen von Beginn an skeptisch gegenübergestanden. Der Grund: Auch mit reduzierten Produktionskapazitäten hoffte der wallonische Stahlkonzern, seine effektive Stahlerzeugung noch ausweiten zu können. Zweifel richteten sich auch gegen die Wirtschaftlichkeitsberechnung der für Lüttich geplanten Stranggußanlage. Fazit: Statt der 8,5 hält man in der EG-Kommission eine Rohstahlkapazität von allenfalls sieben Millionen Tonnen für vertretbar. Statt 5000 wären 10 000 Arbeitsplätze in Gefahr. Rechnet man die mit der Stahlindustrie verbundenen Betriebe hinzu, stehen noch einmal mehrere tausend Jobs auf dem Spiel.