Wer ist dieser Tagebuchschreiber? Ein altkluges Kind, ein Musterknabe, Bücherwurm, Sonderling? Nichts davon. Tobys Fragen, Gedanken, Ideen und Notizen, die Skizzen, Eintragungen und Photographien sind so etwas wie ein privates Logbuch über ein Lebensjahr. „Sagen, was man sieht, und vor allem – was weitaus schwieriger ist – sehen, was man sieht.“ Dieser Satz von Le Corbusier könnte über dem Tagebuch des Jungen stehen, der mit hellwachem Kopf über die Spielregeln menschlichen Zusammenlebens nachdenkt, über Natur, Technik, Wissenschaft, Historie, über Steinzeit und moderne Betonstädte –

Friedrich Böer: „Tobys geheimes Tagebuch oder: Die Spielregeln des Alltags“; Herder Verlag, Freiburg, Basel, Wien; 120 S., 18,80 DM.

Friedrich Böer, der heute fast achtzig Jahre alte Schriftsteller, Autor hervorragender Sachbücher, über 25 Jahre hinweg Herausgeber eines Almanachs für Jugendliche, hat mit der Figur des Toby den räsonierenden „kleinen Bruder“ von Robinson vorgestellt. Tobys Tagebuchaufzeichnungen sind so etwas wie ein Lehrbüchlein oder eine Schule des Denkens, Anstiftung zu kindlich philosophischer Betrachtung. Nicht didaktisch öde, sondern amüsant, informativ und kritisch.

Vom Milchstraßensystem bis zum Halobates, dem winzigen Wasserflitzer, reflektiert Toby über Wunder der Natur und Errungenschaften der Technik, über Saurier und radioaktive Abfälle, den römischen Sklavenmarkt und den Erfinder des Fahrrades.

Böer gerät das nicht zur bloßen Anhäufung enzyklopädischen Materials. Da wird nichts eingetrichtert und klammheimlich untergeschmuggelt – pädagogisch beliebter Kniff, Lehrstoff in die Köpfe zu schummeln –, vielmehr benutzt der Autor die Vielfalt von Fakten, Beobachtungen und das Sammelsurium von Eindrücken als Anlaß, Kategorien des Denkens zu entwickeln. Der Junge bildet selbständig Formen der Anschauung, ordnet Begriffe und Dinge, reflektiert Banales und Metaphysik, bildet Selbstbewußtsein und Verantwortung. Große Worte. Aber Böer breitet das in einfacher, ungespreizter Sprache aus. Er imitiert nicht den Jargon der Null-Bock-Generation: tote Hose, ausgetickte Typen, Nervis und Schlaffis kommen in diesem Buch verbal nicht vor. Da ist nichts atze-datze, total irre oder oberaffengeil. Der Autor verkleidet sich nicht als „Jugendbuchschreiber“, schmeißt sich nicht ran, verzichtet auf modische Allüren. Hier spricht ein neugieriges, intelligentes Kind eine ruhige, klare, unprätentiöse Sprache. Keine Winkelzüge, keine Mätzchen

Böer ist Philanthrop, Humanist, Empiriker: Er glaubt an die Überzeugungskraft von Vernunft und Bildung. Auch einer Bildung des Gemüts. Auf den mehr als hundert Seiten-des Tagebuchs findet der Leser ein Plädoyer für Toleranz, für das Einhalten von Spielregeln, ein Buch gegen Gewalt, Dummheit und Manipulation. Bei allem Optimismus hat Toby indessen nicht das einfältige Herz eines neuen Candide. Er ist ein konstruktiver Zweifler. Im übrigen spiegelt das Tagebuch in Skizzen und Photos, Marginalien und Episoden einen ausgeprägten Humor.

Schon in seinem Bilderbuch „Die Reise in die Wirklichkeit“, das vor zehn Jahren bei Herder erschienen ist, handelte Böer das Thema menschliche Spielregeln und Zivilisationstechniken ab. Es erschien unter dem Motto: Jeder weiß mehrmals er weiß.“ Tobys Tagebuch ist im weitesten Sinne eine Fortsetzung dieses Gedankens, und Böer überschreibt die 78 Kapitel mit dem Satz: „In jedem Kind steckt ein Verhaltensforscher.“ Der Autor hat so etwas wie ein Elementarbuch, eine Kinder-Logik, eine kleine Denkschule geschrieben, die jungen Lesern Orientierung geben kann, um sich im Irrgarten Leben zurechtzufinden.