Der Kandidat und Mitbegründer der seiteinem Jahr bestehenden Sozialdemokratischen Partei (SDP), die ein Bündnis mit den Liberalen unterhält, konnte 33,4 Prozent der abgegebenen Stimmen auf sich vereinen. Die Konservative Partei, die den Wahlkreis 64 Jahre lang gehalten hatte, fiel von 41 Prozent im Jahre 1979 auf 26,6 Prozent zurück. Die Labour-Partei erhielt 25,9 Prozent (1979: 34,4). Die SDP ist im Unterhaus jetzt mit 29 Mitgliedern vertreten. Die Mehrheit der Regierung Thatcher bleibt mit 35 Stimmen weiterhin ungefährdet, doch zeigt das Ergebnis, daß die sozialliberale Allianz bei den Konservativen einen stärkeren Einbruch als bei der Labour-Partei erzielen konnte.

Der „Nachwahl des Jahrhunderts“ kommt in der Tat entscheidende Bedeutung zu: Zum einen erhält die neue Partei, deren Popularität nach zahlreichen Meinungsumfragen bereits nachließ, wieder Aufwind. Zum anderen kehrt mit dem 61jährigen Jenkins eine der profiliertesten Persönlichkeiten der englischen Politik ins Unterhaus zurück. Die – ohne Unterhausmandat so gut wie unmögliche – Wahl des früheren Ministers, Schatzkanzlers und stellvertretenden Labour-Vorsitzenden zum Parteichef der zur Zeit von einem Vierergremium geführten SDP gilt nur noch als Formsache.

Mit Jenkins, der sich rühmt, das Wort „Sozialismus“ seit Jahren nicht mehr verwendet zu haben, hätte sich dann gegenüber den weiter links stehenden Führungsmitgliedern David Owen und Shirley Williams ein politischer Kurs der Mitte durchgesetzt. Auch die Frage des Spitzenkandidaten des sozialliberalen Bündnisses scheint damit geklärt zu sein: Der Chef der Liberalen, David Steel, hat mehrfach erklärt, er sei bereit, Jenkins diese Position zu überlassen. Die beiden Politiker haben miteinander mehr gemeinsam als jeder von ihnen mit vielen Mitgliedern der eigenen Partei. Ihre Zusammenarbeit seit der Gründung der sozialliberalen Allianz im letzten Herbst klappte nahezu reibungslos.

Shirley Williams’ euphorische Wertung, Jenkins sei bereits „Premieiminister im Wartestand“, scheint indes verfrüht: Erst bei den nächsten allgemeinen Wahlen wird sich zeigen, ob die SDP wirklich in der Lage ist, die britische Parteienszene grundlegend zu verändern, oder ob sie nur Protestwähler angezogen hat, die im entscheidenden Augenblick wieder reumütig in den Schoß der beiden traditionellen Klassenparteien zurückkehren.

Das Ergebnis von Hillhead beweist aber auch, daß die SDP von einer Alternative zur Labour-Partei zum direkten Gegner der Konservativen geworden ist.

Lorenz von Stackelberg