Von Reinhold Grimm

Wer ein Nachschlagewerk herausgibt, weiß, daß er nicht alles zu erfassen vermag und selbst vom glücklich Erfaßten nicht alles richtig. Und der Kritiker weiß, daß ihm nicht alles auffallen wird, was fehlt, was schief oder gar falsch ist. Nur so viel sollten beide wissen, daß, wenn jene zwei imaginären Größen in einem krassen Mißverhältnis stehen, irgend etwas faul sein muß. Und zwar im Kern der Sache.

Dieser betrübliche Befund gilt leider für dieses Lexikon –

„Weltliteratur im 20. Jahrhundert“, herausgegeben von Manfred Brauneck, Bd. 1-4: „Autoren A-Z“, Bd. 5: „Essays, Daten, Bibliographie“; ro-handbuch 6265-9, Rowohlt, Reinbek, 1981; Bd. 1-4: 1405 S., je 12,80 DM, Bd. 5: 546 S., 16,80 DM.

Brauneck hat in fünf Bänden eine ganze Menge zusammengetragen. Vier davon bilden das „Autorenlexikon“, das auf rund 2800 Spalten rund 2500 Schriftsteller und deren Werke vorstellt; der fünfte, „Essays, Daten, Bibliographie“, bringt Einzeldarstellungen der verschiedensten Nationalliteraturen und literarischen Gattungen, einen fünfzigseitigen bibliographischen Anhang und eine Zeittafel, die in sechs Kolumnen alle wichtigen Ereignisse seit 1880, die geistigkünstlerischen ebenso wie die von Politik und Technik bis zu den Naturkatastrophen, in Stichworten verzeichnet. Ein imponierender Hauptteil, zumindest quantitativ, und willkommene Hilfsmittel obendrein! Und obwohl dunkel bleibt, auf welche Weise sich etwa der „Fluglotsen-Bummelstreik in der BRD“ von 1973 auf die Entwicklung der Weltliteratur ausgewirkt hat und warum ein Traktat des ehrwürdigen Bischofs Huet von 1670 zur Poetik des modernen Romans gehört, so steht doch außer Zweifel, daß das von Brauneck und seinen Mitarbeitern insgesamt Gebotene vielfach nützlich und mitunter sogar neu ist.

Dennoch: In der Einleitung wird erklärt, daß es nicht länger angehe, am alten normativ wertenden, also abendländischen oder „eurozentrischen“Begriff von Weltliteratur festzuhalten, daß man sich vielmehr auf dessen „pragmatischen Gebrauch“ einzurichten, also die Literaturen. Afrikas oder Lateinamerikas gleichfalls als eigenständig und im Prinzip ebenbürtig zu würdigen und zu berücksichtigen habe. Da kann man Brauneck durchaus zustimmen. Doch wie sieht solch löbliche Theorie in der Praxis aus? Ich wähle ein noch ziemlich „naheliegendes“ Beispiel, nämlich die litauische Literatur, und hole mir dazu, nicht anders als der Herausgeber selber, sachkundigen Beistand.

Folgendes erfahre ich: Der betreffende Essay verharrt im Vagen und Allgemeinen; einige der bedeutendsten Autoren, namentlich der hervorragende Lyriker Henrikas Radauskas, werden überhaupt nicht erwähnt. (Zusätzliche Lücken: Tomas Venclova, Nyka-Niliunas.) Ein Dramatiker wird als Romancier, ein Lyriker als Prosaist eingestuft. Auch grobe Verschreibungen begegnen: statt Romualdas Lankauskas: „Lauskauskas“.