Von Michael Krüger

Was erwarten heute vom sten Roman eines jungen Schriftstellers? Erwarten wir überhaupt etwas? Und wer und wieviele sind "wir", die sich für solche Bücher interessieren? Vierhundert, achthundert, zwölfhundert Leser? Und wieviele davon lesen aus beruflichem Interesse, weil sie von der "Vermittlung" leben? Kann man heute von einer neuen, also von der akzeptierten oder hingenommenen Literatur sprechen? Das heißt von einer, die nicht nur Argumente anführt, sondern zum Ausdruck gebrachte Erfahrung darstellt? Die nicht nur die Illustration der notdürftig verschleierten These ist, die besagt, daß unsere Lebensverhältnisse sich immer rascher verschlechtern und diese wahrscheinliche, aber nicht eben neue Annahme in stets leicht variierten Anordnungen vorführt? Aus den gestörten Beziehungen der Menschen untereinander läßt sich gewiß noch mancher schöne Roman herauslesen, doch führt diese Anstrengung in den seltensten Fällen zur Literatur, in den meisten dagegen zu einer Sterilität, die die Leser zunehmend vergrault: Sie erwarten nichts mehr.

Die Verlage scheinen sich dieser fatalistischen Sicht angeschlossen zu haben. Wer bei der letzten •Buchmesse von einer Krise sprach, wurde barsch zurechtgewiesen: Von einer Krise sei nichts bekannt! Aber die Frühjahrskataloge vieler Verlage, die ihren Namen einst der Literatur verdankten, erzählen eine andere Geschichte. Wer da unter den Schutthalden von Ernährungsbrevieren und Anleitungen zur schmerzlosen Geburt, von Reprints, Reprisen und Sonderausgaben noch ein Rinnsal entdeckt, das Literatur genannt zu werden verdient, der muß schon gute Augen haben.

Um so erfreulicher ist es, daß sich der Münchener Paul List Verlag nach jahrelanger Abstinenz und gewissermaßen im Schatten unzähliger Berg-Bücher entschlossen hat, eine Reihe mit dem unverdächtigen Titel "Poesie & Prosa-Ein Programm" zu gründen, deren einziger programmatischer Anspruch es ist, jüngere deutschsprachige Autoren zu publizieren. Hier ist auch das erste Buch eines 1954 geborenen Berners erschienen, das nicht nur rezensiert, sondern auch gelesen werden sollte –

Matthias Zschokke: "Max", Roman; Paul List Verlag, München, 1982; 200 S., 29,80 DM.

"Max" wäre ein Entwicklungsroman geworden, wenn Max nicht alles unternommen hätte, dieses hohe Ziel zu verhindern. Das Wort "Entwicklung" gehört nicht in seinen Wortschatz, und jeder Versuch des Autors, es seinem Helden durch Umschreibung schmackhaft zu machen, scheitert an dessen bockiger Abwehr. Er will alles mögliche haben – Geld, gutes Aussehen, Frauen, Talent nur keine Identität. Die vielen Haken, die er schlagen muß, um einer solchen zu entgehen, machen den Roman aus, der dementsprechend sprunghaft, wild, also alles andere als ordentlich geschrieben ist.

Sein Autor, der als Ich-Erzähler auftritt und sich einmal auch Matthias nennt, um alle Unklarheiten zu beseitigen, läuft gewissermaßen atemlos seiner imaginierten Figur hinterher, um ihr die Schwierigkeiten, die ihrer Vollendung widerstehen, zu erklären, aber Max hat sich schon wieder aus dem Staube gemacht. So ist dieses eigentümliche Zwillingspaar zwar stets verbunden und aufeinander angewiesen, doch auch für ewig getrennt. Eine Vereinigung ist ausgeschlossen, eine Identität nicht zu erzählen, so ließe sich die Struktur dieses Romans formulieren, in dem es einmal heißt: "Ich darf nicht einfach Geschichten erzählen. Lest den Grünen Heinrich, es gibt nicht mehr Geschichten, die... durch Eingriffe von außen, vom Staat, nein, von der Wirtschaft, wird jede Geschichte so geschüttelt und zerfetzt, daß es gelogen ist, wenn diese in einem Buch... oh, ich müßte viel sagen, von den Prozessen in den Gerichten, von den Ämtern, wenn man da anfängt, dann ..."