Die Grünen verzeichnen inzwischen fast regelmäßig große Wahlerfolge, zuletzt in Niedersachsen. Wie verhalten sich die Sozialdemokraten?

ZEIT: Soll die SPD die Grünen als Gegner betrachten?

Roth: Zunächst einmal muß jeder, der den Sozialdemokraten Stimmen wegnimmt, als Gegner betrachtet werden. Ich betrachte die Grünen aber auch deswegen als einen Gegner, weil sie objektiv bewirken, daß das Reformlager in der Bundesrepublik handlungsunfähig wird mit dem Ergebnis, daß ein absoluter CDU-Staat übrigbleibt. Ich glaube auch, daß das von einigen Grünen so billigend in Kauf genommen wird, nach dem Motto: Je starrer und reformunfähiger unsere Gesellschaft wird, um so besser für unsere „Bewegung“. Ich befürchte als objektives Ergebnis der „grünen“ Wahlerfolge, daß mit einer CDU/CSU geführten Bundesregierung, mit einer CDU/CSU-Mehrheit im Bundesrat natürlich die Kernenergie ohne „Wenn und Aber“ ausgebaut wird, Kommerzfernsehen zugelassen wird, jede industrielle Großanlage problemloser durchgezogen wird oder bestehende Umweltschutzbestimmungen, wie heute in Amerika, erheblich gelockert werden.

ZEIT: Haben die Grünen nicht auch Grund, enttäuscht zu sein über die Regierungspolitik?

Roth: Ich gehe sogar noch weiter. Es ist unsere Schuld, daß es die Grünen überhaupt gibt, weil wir nicht genug Reformprojekte im ökologisch-ökonomischen Raum umgesetzt haben, die überzeugend nachgewiesen hätten, daß eine Versöhnung zwischen Ökologie und Ökonomie möglich ist. Wir haben in vielen Parteidokumenten solche Projekte erarbeitet, jüngstes Beispiel: das Hauff-Papier, das vor wenigen Wochen vom Parteivorstand verabschiedet wurde. Wir werden in München beschließen, daß mit einem Mehrjahresprogramm unsere Flüsse sauber gemacht werden. Die Technik dafür ist.da, eine Finanzierung durchaus möglich, Arbeitsplätze würden damit auch geschaffen. Oder nehmen wir die Luftreinhaltung: Wir haben die technologischen Möglichkeiten, den „sauren Regen“ wirksam zu bekämpfen. Das ist für uns alles nichts Neues. Entscheidend ist doch, daß man für solche Reformprojekte eine politische Mehrheit gewinnt, damit aus Projekten Wirklichkeit wird.

ZEIT: Auch wenn die Grünen eine Vierte oder der Stärke nach vielleicht sogar eine Dritte Partei werden, soll die SPD nicht mit ihnen Koalitionen eingehen?

Roth: Ich halte die Grünen nicht für koalitionsfähig. Das schließt Interessenbündnisse auf lokaler Ebene keineswegs aus. Im Grunde genommen betrachte ich die Grünen als eine gegenparlamentarische Aussteigerbewegung, die eher ein taktisches Verhältnis zum Parlament entwickelt hat. Im übrigen: Wenn ein führender Grüner, unwidersprochen von anderen Vorstandsmitgliedern, ernsthaft behauptet, daß die Arbeiterbewegung ein historischer Irrtum gewesen sei, dann ist eine solche Äußerung nicht nur abgrundtief reaktionär, sie macht auch schlagartig deutlich, warum führende Unionspolitiker so verständnisvoll mit den „jungen Leuten“ von den Grünen umgehen.