Von Jeanine Meerapfel

Endlich ein Buch über Tango in Deutsch. Ich erwarte ein kleines, bescheidenes Bändchen, etwas für Lateinamerika-Spezialisten, vielleicht auch eine Hilfe, um deutschen Freunden zu zeigen, daß Tango nicht der gravitätische Gesellschaftstanz mit steifen Paarbewegungen ist, den sie aus der Tanzstunde oder aus dem Tanzwettbewerb kennen.

Zu wenige hier wissen, daß Tango eine Kulturform ist, geboren an den Ufern des Rio de la Plata, in Uruguay und Argentinien, eine Bastardmusik mit Einflüssen aus dem Leben der Bordelle der Jahrhundertwende, des Hafens, aus den verschiedensten Emigrantenströmen und aus Resten der kaputten Würde der in die Stadt verschlagenen Gauchos. Sowohl die Musik wie die Texte haben einen ironisch-melancholischen Duktus, eine schwärmerische Sehnsucht nach Vergangenem.

Die romantischen, sentimentalen Themen des Tango-Lieds sind Reue, Einsamkeit, verratene Liebe, gefallene Frauen oder die Dinge, die man hinter sich gelassen hat: die Mutter, die Kindheit, die vertraute Umgebung der Jugend, die Freunde, das Caféhaus. In immer neuen Varianten wird in den Texten nostalgisch eine heile Welt beschworen, mit einem teils mystifizierenden, teils aufklärenden Blick in die Vergangenheit. Und die Musik, die tagtäglich in der Millionenstadt Buenos Aires aus den Radios tönt, sucht ihre Identität nicht in den Pracht-Boulevards oder den quirligen Straßen des Zentrums, sondern in der Vorstadt-Idylle, im Kiez, in den „Barrios“, in einer Topographie von flachen Häusern, verschachtelten Patios, Krämerläden und Straßenecken: Orte, die man als Kind kannte und die, wenn man die Philosophie des Tangos ernst nimmt, in der Biographie eines jeden Argentiniers zu einer mythologichen Größe anwachsen müssen.

„Du bist wie ein langes Klagen / das Lust und Schmerz bereitet, / Du bist eine Musik zum Atmen, / mit der Form einer Rundung und dem Geruch einer Frau“, schrieb Fernán Silva Valdes 1922. Die Klage des Bandoneons, des wichtigsten Tango-Instruments, ist für Argentinier nicht nur Musik, sondern ein Bekenntnis, ein Seelenzustand und eine Heimat zugleich. So erklären sich die übersteigerten Erwartungen an eine anspruchsvolle Arbeit über diese nationale Angelegenheit der Argentinier.

Das Buch ist nicht bescheiden, sondern ein schwerer Band, zu groß für übliche Bücherregale, zu teuer für den Normalverbraucher –

Dieter Reichardt: „Tango – Verweigerung und Trauer, Kontexte und Texte“, Verlag Klaus Dieter Vervuert, Frankfurt, 1981; 272 S., Abb., 88,– DM.