Von Marion Gräfin Dönhoff

Warschau, Ende März

Auch nach zehn Tagen bleibt für mich der Zweifel: Wird es Frieden geben in Polen, oder wird, wie in einer griechischen Tragödie, jede Seite ihre Rolle bis zum bitteren Ende spielen – das Volk um der Freiheit und nationalen Selbstverwirklichung willen, die Militärs, dem Gesetz der Ordnung verhaftet, um Schlimmeres zu verhüten? Wird also eine langsame, wenn auch traurige, oft verzweiflungsvolle Entwicklung auf einen Kompromiß hin stattfinden, mit zusammengebissenen Zähnen erkämpft und erlitten – oder treibt alles auf eine Explosion zu? Niemand weiß das heute, auch die Akteure nicht.

Diese Frage wird mit der Entscheidung über die Zukunft der Gewerkschaften ihre Beantwortung finden. Einstweilen steht da noch Forderung gegen Forderung. „Es kann nur, wie auch überall sonst in der Welt, Branchengewerkschaften geben“, sagt die Militärregierung. „Nein“, kontert die Gegenseite, „wir wollen Regionalgewerkschaften, so wie die Solidarität sie aufgebaut hatte“. Die Leute wissen, warum sie das fordern. Das Land ist verwaltungstechnisch in 49 Woiwodschaften eingeteilt, die Solidarität hatte sich dieser Herrschaftsstruktur entzogen, indem sie ein neues Muster, nämlich eine Einteilung in 38 Regionen, über jenen Raster gestülpt hat.

Es geht also, wie immer in der Politik, um eine Machtfrage. Die Regierung will die Führungsrolle der Partei sichergestellt wissen, die Arbeiter aber wollen an dem Statut der Solidarität festhalten, das ja im vorigen Jahr alle Instanzen durchlaufen hatte, und auch von der Partei akzeptiert worden war.

Veränderung des Klimas

An einem der ersten Tage hatte mir Vizepremier Rakowski auf einem Zettel aufgemalt, wie er sich einen Kompromiß vorstellen könne: Branchengewerkschaften und darüber ein Dach, auf dem Walesa einen Platz haben könnte. Aber als ich am letzten Tag bei General Jaruzelski war, charakterisierte dieser die Solidarität mit so harten Worten, daß man sich schwer vorstellen kann, wie da eine Einigung Zustandekommen soll.