Von Eckart Kleßmann

Im Jahre 1804 erschien ein 447 Seiten starkes Buch mit dem Titel „Napoleon Bonaparte und das französische Volk unter seinem Consulate“. Ein Verfasser war nicht genannt, als Druckort: „Germanien im Jahr 1804“. Das Vorwort, datiert „Paris, im Eilften Jahr der Republik“, sagt von dem Autor, er sei „ein freier deutscher Mann, der Frankreich in seinem ehemaligen Zustande gekannt, der den Gang der französischen Revolution in der Nähe und Ferne genau beobachtete, und seit einiger Zeit wieder in Frankreich lebte“.

Dieses Buch, eine scharfsichtige, an unangenehmen Wahrheiten reiche Darstellung, hat damals das Napoleonische Regime so erbittert, wie sonst nur die von dem unglücklichen Buchhändler Palm vertriebene Broschüre „Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung“. Die französische Regierung setzte durch, daß es in allen deutschen Staaten verboten wurde. Aufs Titelblatt des Exemplars, das ich seit über zwanzig Jahren wie einen kostbaren Schatz hüte, hat ein Vorbesitzer (nach Schrift und Tinte wohl Zeitgenosse des Autors) den wahren Verfasser gesetzt: „Graf Schlabrendorf“. Der napoleonische Geheimdienst aber jagte damals einen ganz anderen Mann in Deutschland: den Komponisten und Schriftsteller Johann Friedrich Reichardt, der zwar mitbeteiligt, aber nicht der eigentliche Urheber war. Denn der, Gustav Graf von Schlabrendorf, saß in Paris und entging seinen Verfolgern, die ihm ein rasches Ende bereitet hätten, wäre er in Verdacht gewesen.

Wer nun dieser geheimnisvolle Schlabrendorf war, erfährt man jetzt von:

Martin Gregor-Dellin: „Schlabrendorf oder Die Republik“; R. Piper & Co. Verlag, München 1982; 203 S., 28,– DM.

Gregor-Dellin hat alles zusammengetragen, was sich irgend über Schlabrendorf ermitteln ließ. Das scheint zunächst viel, ist aber in der Substanz wenig, so daß sich der Autor entschließen mußte, seine Phantasie zu Hilfe zu nehmen. So ist sein Buch eine Mischung aus Biographie und Erzählung geworden, ein Arsenal aus Dokumenten und nachschaffender Einbildungskraft.

Schlabrendorf, aus altem preußischen Adel, wurde 1750 geboren, studierte in Frankfurt (Oder), Halle (Saale), Leipzig und Göttingen die Rechtswissenschaften, reiste durch Deutschland, die Schweiz, Frankreich und England, wo er fast sechs Jahre blieb. Im Mai 1789 ließ er sich in Paris nieder, seinem endgültigem Aufenthaltsort.