Jemand will ein Buch schreiben über Jugendliche, die kriminell werden. Wie macht er das? Schreibt er ein Sachbuch, mit drögen Zahlen und Analysen, kann er sicher sein, daß sich sein Band zwar in den Bücherregalen der bereits Interessierten und Informierten, neben den vielen anderen Werken zum gleichen Problem, gut ausmachen wird. Schreibt er aber „schöne Literatur“, und wird daraus eine spannende Geschichte, so kann er gewiß sein, damit auch viele Leute anzusprechen und an das Problem heranzuführen, die nie ein Sachbuch in die Hand nähmen. Allerdings: die sogenannte Fachwelt, (Kriminologen, Soziologen, Pädagogen) werden den Schmöker allenfalls mit höhnischer Gleichgültigkeit links liegenlassen und umgehend beweisen, was, vom wissenschaftlichen Standpunkt aus, daran stimmt und was nicht.

Das schwierige Unterfangen, beide Stilformen miteinander zu verbinden, unternimmt ein Autor, der beides ist: Journalist und Romanautor. Herausgekommen ist ein lesenswertes, spannendes, manchmal amüsantes, oft tieftrauriges Buch, ein erfundener Roman, der mehr „stimmt“ als manches Fach-und Sachbuch:

Frank Baer: „Kein Grund zur Panik – Roman einer Jugend im Wedding“; Albrecht Knaus Verlag, Hamburg, 1982; 288 S., 29,80 DM.

Baer schildert Leben und Training ums Überleben in unserer Wohlstandsgesellschaft – anhand derer, die mit dreizehn Jahren schon so weit an den Rand gedrängt wurden, daß sie mit dem nächsten Schritt schon aus dieser Gesellschaft fallen können. „Eine Gruppe von Heranwachsenden wird, mal aus materieller Not, mal aus Langeweile, mal aus Statusgründen, kriminell. Man weiß bei ihnen oft nicht mehr, ob sie noch halbe Kinder sind oder schon abgebrühte kleine Erwachsene. Es geht um Diebstahl, Drogen, Schlägereien“, wie der Verlag es in seinem zu Skepsis und Mißtrauen anregenden Pressetext schreibt. Es geht um Jugendliche im Wedding, da, wo Berlin besonders trist und grau sein kann, in den Hinterhöfen der verkommenen Mietskasernen genauso wie in den Menschenkäfigen der Nachkriegs-Betonklötze. In Wahrheit geht es um Jugendliche überall in der Bundesrepublik – der Wedding ist da nur ein Beispiel. Die in solcher Umgebung aufwachsen, haben mit zwölf Jahren oft schon mehr erlebt, erlitten als andere in einem ganzen Leben.

Es sind die, die sich aus Angst vor dem ständig betrunkenen Vater nicht mehr in die zweieinhalb Zimmer große Wohnung trauen, weil sie dort verprügelt werden wie die Geschwister, wie die Mutter. Es sind die, die Schularbeiten zu Hause nicht in Ruhe machen können, keine Förderung durch das Elternhaus erfahren und in der Schule, wie intelligent sie immer sein mögen, als die notorischen Versager gelten; Sie behindern die „Besseren“ in der Klasse und werden darum rasch in die „Sonderschule“ abgeschoben – wehren können sie sich ohnehin nicht. Es sind die, die nicht wissen, was sie in ihrer Freizeit tun könnten, deren Phantasie verkümmert, die darum schon mit dreizehn zu den regelmäßigen Besuchern von Spielhallen zählen, längst saufen und rauchen – und die immer damit rechnen müssen, nach der Schule genausowenig wie ältere Geschwister eine Lehrstelle zu finden. Es geht um die düstersten und traurigsten Kapitel des „Modells Deutschland“, von dem man sich als „normaler“ Zeitungsleser und Fernsehzuschauer gelegentlich in kritischen Reportagen und einfühlsamen Filmen berichten läßt.

Frank Baer hat neun Monate für sein Buch recherchiert. Er hat Polizeibeamte, Sozialarbeiter, Heimerzieher und Lehrer besucht und begleitet. Nach zahlreichen Interviews und langen Gesprächen hat er seine Kontaktpersonen zu Kunstfiguren verdichtet, die nun sein Buch bevölkern, das für ihn selbst „eher Reportage als Roman“ ist.

Um die Antipoden des Buches, Pauli und Kalle, hat er eine schlichte, aber kurzweilige Geschichte gesponnen: Ein Lehrer „motiviert“ eine Schulklasse, indem er aus ihr eine Fußballmannschaft samt Fan-Club macht. Pauli ist der Lehrer, der nach etwas abenteuerlicher Vergangenheit neu an eine Weddinger Hauptschule kommt. Mit unermüdlichem Eifer versucht er, seine Schüler aus dem Kreislauf zu befreien, der zwischen ihrem Versagen in der Schule, dem Versagen ihrer Lehrer, ihrem kaputten Elternhaus, der kleinen Kriminalität, der Langeweile und der Droge Alkohol besteht. Kalle ist Paulis Sorgenkind Nummer eins aus der Klasse 7c, in der er, gegen den Widerstand der meisten Kollegen und der verknöcherten Schulbürokratie, den Kindern zu helfen versucht.