Von Karl Rahner

Von 1968 bis Ende 1971 erschien die katholische Wochenzeitung Publik. Sie mußte eingestellt werden, weil die deutschen Bischöfe ihre finanzielle Unterstützung beendeten. Der offizielle Grund: Publik würde weiterhin zu große finanzielle Zuschüsse erfordern, als daß sie für die katholischen Bistümer auf lange Sicht tragbar wäre. Viele Freunde von Publik hatten aber damals den Eindruck, daß die finanziellen Schwierigkeiten für die „Amtskirche“ nur den willkommenen Anlaß bildeten, eine Wochenzeitung untergehen zu lassen, deren geistiges Profil den maßgeschneiderten Leuten in der katholischen Kirche Deutschlands nicht gefiel.

Die Freunde von Publik wollten den Untergang aber nicht einfach hinnehmen. So entstand erst die „Leserinitiative Publik e. V.“, dann wurde Publik-Forum gegründet, zunächst mit einer Auflage von 6000, die in zehn Jahren auf 19 000 stieg. Fachleute prophezeiten Publik-Forum damals einen baldigen Untergang. Es ist anders gekommen. Während vergleichbare Zeitschriften, wie Orientierung und der Rheinische Merkur im vorigen Jahr Rückgänge in der Abonnentenzahl verbuchen mußten, schaffte Publik-Forum ein Plus von 13,8 Prozent.

Das Blatt im DIN-A4-Format fing mit einem freiberuflichen Redakteur an, heute erscheint es alle 14 Tage unter drei hauptamtlichen Redakteuren in einem Umfang von 32 Seiten. Woher kommt der unerwartete Erfolg? Laut Satzung will die Leserinitiative Publik „einen freien Meinungsaustausch über Gesellschaft, Kirche, Kultur, Politik und Theologie fördern und insbesondere benachteiligten Gruppen eine Möglichkeit bieten, sich Gehör zu verschaffen“. Diese Absicht hat das redaktionelle Konzept der Zeitschrift bestimmt, die sich dann auch im Untertitel „Zeitung kritischer Christen“ nennt. Es soll hier gewiß nichts gegen die Kirchenblätter der Diözesen gesagt werden, die ihr eigenes Ziel haben. Es soll auch kein Vergleich mit der Orientierung angestellt werden, die in der Schweiz erscheint. Aber dennoch kann man wohl sagen, daß Publik-Forum im deutschen Katholizismus die einzige „Zeitung kritischer Christen“ ist.

Der Rheinische Merkur wird von deutschen Bischöfen subventioniert, er mag legitim eine konservative Tendenz verfolgen (warum auch nicht?), aber eine Zeitung, die auch den Mut zur Kritik an der Amtskirche zu ihren bevorzugten Tugenden rechnen könnte, ist er nicht. Aber so etwas muß es in der katholischen Kirche Deutschlands geben. Es muß doch ein freies Wort in der Kirche geben, wenn schon 1950 Pius XII. betont hat, es müsse auch eine öffentliche Meinung im Schoß der Kirche geben, wenn sie eine lebendige Körperschaft sein wolle und das Fehlen einer solchen öffentlichen Meinung eine Schuld der Hirten und der Gläubigen wäre. Sind diese Binsenwahrheiten in der deutschen katholischen Kirche wirklich lebendig und praktisch realisiert? Man könnte sich hier gewiß eine lebendigere öffentliche Meinung in der Kirche denken. Darum muß es Publik-Forum geben. Man darf sich freuen um ihr Gedeihen. Man darf froh sein, daß es neben den genannten anderen Blättern und neben den Verlautbarungen des „Zentralkomitees der deutschen Katholiken“ auch noch ein Forum gibt, auf dem sich solche kritischen Stimmen vernehmen lassen können.

Natürlich kann Publik-Forum bei seinem wirtschaftlich bedingten, relativ kleinen Umfang nicht alles leisten, was man früher von Publik erwarten konnte an Thematik aus allen Gebieten, für die sich ein Christ interessieren und engagieren will. Natürlich ist (ehrlich gesagt) nach meiner unmaßgeblichen Meinung in Publik-Forum nicht selten etwas zu lesen (besonders in Leserzuschriften), was man für falsch halten kann. Es mag sogar so sein, daß ab und zu Publik-Forum über die legitime Berichterstattung, über faktisch bestehende Meinungen von Christen hinaus eine Position vertritt, die mir hart an der Grenze des kirchlich Legitimen zu liegen scheint, obwohl das Blatt doch in Frieden mit der katholischen Kirche und ihrem Amt leben will.

Aber bei einer kritischen Zeitung für Christen, die es geben muß, ist so etwas wohl nicht ganz vermeidbar. Mut zu einer offenen Kritik ist immer noch besser als die Vorsicht, die nur auf sanften Frieden in der Kirche bedacht ist. Es muß auch kritische Christen in der Kirche geben, sie haben eine notwendige Funktion in der Kirche, auch wenn sie meist unbelohnt bleibt. So ist es gut, daß es Publik-Forum als „Zeitung kritischer Christen“ gibt.