Deutsch-deutsche Bilder und der gescheiterte Versuch, ein Trauma zu beschreiben

Von Hans-Peter Riese

Mitten im Café steht ein Stück roh geschichtetes Mauerwerk, hinter dem der Maler Jörg Immendorff sitzt und seine Hand durch die Mauer dem Betrachter des Bildes entgegenstreckt. Im Hintergrund ist ein Hakenkreuz zu sehen, in den Klauen eines Adlers, zwei Totempfähle rahmen den Vordergrund, der eine mit den Staatssymbolen der DDR, Hammer und Sichel ausgestattet, der andere mit dem entsprechenden bundesdeutschen Pendant, dem Adler geschmückt. Oben, an der rechten Ecke schaut der Dichter Bert Brecht über eine die Bar des Cafés erhellende Lichtscheibe, eine Kerze in der Hand.

Deutsch-deutsche Politsymbolik gleichsam zum Hausgebrauch für jedermann. Jörg Immendorff, ein politisch engagierter Künstler in Deutschland (West) hält Einzug in die Repräsentationsbauten der Kunstszene, nachdem er jahrelang als Geheimtip gehandelt wurde, vor allem im Ausland, beispielsweise Holland. Unmittelbar vor Immendorffs Auftritt auf der siebten Documenta in Kassel, der spektakulär zu werden verspricht, hat Jürgen Harten dem so offensichtlich Aufsteigenden seine Düsseldorfer Kunsthalle geöffnet. „Café Deutschland – Adlerhälfte“ heißt die Ausstellung, in der Immendorff das deutsche Trauma der Teilung in einem neunzehnteiligen Zyklus auf der gleichsam öffentlichen Ebene der politischen Symbolik und Emblematik und der privaten seiner Freundschaft und künstlerischen Verwandtschaft mit dem Maler Penck (vormals DDR, mittlerweile Bundesrepublik) behandelt.

Die eine der beiden Ebenen, nämlich die der staatlichen Teilung, ist aus den dargestellten Szenen, vor allem der einfachen, fast naiven Symbolik der Bilder abzulesen. Da wandelt ein lächelnder Robert Havemann in einer durch Stacheldraht abgeteilten Ecke des Cafés, da räumt ein Mann im Trenchcoat (Geheimdienstagent 17) Bücher aus einem Regal – Anspielung auf den früheren § 88a da wird die politische Vereisung ganz real in der Darstellung zackiger Eisschollen symbolisiert, und selbst kleine Randereignisse des bundesdeutschen Kulturkampfes, wie die Einstellung der linken Kulturzeitschrift „Spuren“, werden in die Bildergeschichten aufgenommen. Tatsächlich kann man von Bild zu Bild der Serie des „Café Deutschland“ gehen und die einzelnen Geschichten entschlüsseln. Dabei mag es dem uninformierten Betrachter relativ schwerfallen, die persönliche Dimension zu deuten, Immendorffs Verhältnis zu dem seinerzeit noch in der DDR lebenden Maler A. R. Penck, gleichsam die zweite Ebene der Bildgeschichten.

Zwei Maler, zwei Staaten

In nahezu allen Bildern wird die politische Trennung der beiden deutschen Staaten in der persönlichen Trennung der beiden Maler gespiegelt. So in „Café Deutschland VII“, wo Penck und Immendorff auf einem schneebedeckten Tisch liegen, der in der Mitte geteilt ist. Beide sind nackt und haben neben sich die Symbole der ihnen zugeordneten Staaten, den Wachturm für die DDR, den abgestürzten, halb aufgelösten Adler auf der Seite des bundesdeutschen Immendorff. In der fortlaufenden Geschichte findet auch eine Entwicklung statt, die ebenso einleuchtend ist wie die zu ihrer Illustration benutzte Symbolik. Renato Guttusos „Caffè Greco“, mit dem sich Immendorff in seinem Zyklus auseinandersetzt, war eine Remineszenz der Kulturgeschichte, eine einmalige künstlerische Beschwörung. Das imaginäre „Café Deutschland“ als künstlerische Darstellung realer politischer Ereignisse löst sich schließlich auf, es füllt sich mit dem Eis eines neuen kalten Krieges, die Bilder werden aus ihm hinausgetragen, die beiden Maler, ohnehin nun nicht mehr durch eine Grenze getrennt, verschwinden aus dem Ensemble. Die Geschichte in Bildern verhält sich ihrem Anlaß gegenüber, trotz aller Kritik, affirmativ. Am Schluß steht eine raumfüllende Eisscholle im Bild und die Frage: „Was stellen wir rein?“ Immendorff, auf der politischen Ebene, ist dort angelangt, wo die Politiker schon längst eingetroffen sind, in der Resignation gegenüber den vermeintlichen oder tatsächlichen Zwängen der Politik.