Von Peter Fuhrmann

Allgemeines Aufsehen erregte die jüngste Ankündigung ganz gewiß; in Forscherkreisen dagegen rief sie nur müdes Lächeln hervor: Igor Markevitch, in Frankreich lebender Dirigent und Komponist, möchte an Ludwig van Beethoven „Wiedergutmachung“ üben. Mit einem Team, das sämtliches Material der führenden Orchester in der westlichen Welt sichtete, war er jahrelang den Übeltätern auf der Spur. Ganze 70 000 (in Worten: siebzig Tausend) Korrekturen will er an seiner enzyklopädischen Neuausgabe der neun Beethoven-Sinfonien vorgenommen haben, die bis Ende nächsten Jahres komplett in einem Pariser und einem Leipziger Verlag publiziert werden soll. Das Bonner Beethoven-Archiv, wie die übrige musikalische Welt von Markevitchs Pressemeldung überrascht, gibt sich gelassen. Neuere Aufschlüsse erwartet man nicht.

In Sachen Joseph Haydn, dessen 250. Geburtstag am vergangenen Mittwoch gefeiert wurde, könnte man indes viel eher sein Glück versuchen: mit der Ausgrabung von Autographen; mit der Überprüfung der Echtheit von Werken, die ihm vielfach irrtümlicherweise zugeschrieben worden sind; mit der Untersuchung unterschiedlicher Werkfassungen und Skizzen; mit der Wiederherstellung des ursprünglichen, von einer Vielzahl von Entstellungen befreiten Notentextes.

Schon zu Haydns Lebzeiten gab es rund eineinhalbtausend Einzelausgaben, überdies nahezu siebenhundert Ausgaben von Arrangements. Viele seiner Werke indes blieben bis heute ungedruckt. Die Zahl der insgesamt nachweisbaren Kompositionen beläuft sich auf knapp neunhundert: Kammermusik, Opern, Kirchenmusik, Klaviersonaten und – nach neuer gesicherter Erkenntnis – nicht einhundertvier, sondern einhundertundsechs Sinfonien.

Anders als Bach, der seine Werke selbst herausgab und den Druck kritisch überwachte, oder Mozart und Beethoven, von denen mehr Autographe erhalten sind, hat es Haydn den Nachfahren schwer gemacht.

„Seine Werke waren damals sehr gefragt“, sagt Dr. Georg Feder, Leiter des Kölner Joseph-Haydn-Instituts. „Deshalb wurden eine Menge (fehlerhafter) Abschriften angefertigt und zahlreiche miteinander konkurrierende Druckausgaben von Verlegern in Umlauf gebracht, die im Umgang mit dem Urtext nicht gerade zimperlich waren. Viele Kleinmeister haben sich, um ihre oft kaum an den Mann zu bringenden Produkte loszuwerden, gerne mit dem Namen Haydn geschmückt. Sie wollten an seinem Ruhm profitieren.“

Ein undurchschaubarer Dschungel, um den sich gemeinhin Interpreten kaum einmal Gedanken machen. Ihn zu lichten – dieses Ziel setzte sich das 1955 (überraschenderweise) in Köln gegründete Joseph-Haydn-Institut, das einzige in der Welt. Fünf hauptamtlich beschäftigte Musikwissenschaftler samt Assistenten sind seit nunmehr über einem Vierteljahrhundert dabei, und sie haben wohl auch noch eine ganze Weile alle Hände voll zu tun, die erste kritische Gesamtausgabe der Werke Joseph Haydns herauszubringen. 56 Bände hat man bisher geschafft, etwa 100 sind insgesamt vorgesehen.