Von Karl-Heinz Janßen

Welch eine Szene! Ein Schriftsteller hätte sie nicht besser erfinden können: Der chinesische Außenminister wünscht, den neuen deutschen Botschafter zu sehen. Dieser ist eben erst angekommen, die Audienz also ein ungewöhnliches Entgegenkommen. Qiao Guanhua hat 1936 in Tübingen Philosophie studiert und dort sogar promoviert, spricht fließend deutsch – Erwin Wickert, ein homme de lettres, den es in die Diplomatie verschlagen hat, kennt sich aus in der Geschichte und Kultur Chinas. Eine literarische Plauderei zwischen den beiden wäre also nicht verwunderlich, aber dazu hätte der Minister wohl nicht so eilig bitten lassen. Er spricht jedoch lang und breit über die Schwierigkeiten und möglichen Fehlinterpretationen bei der Übersetzung der Gedichte Maos. Als Wickert es wagt, Konfuzius zu zitieren (der damals noch verfemt war), weicht Qiao auf Hegel aus. Der Dolmetscher muß passen, und Qiao sagt auf Deutsch, was ihn bewegt: Hegels Vorstellungen von der absoluten Idee, die unveränderlich bleibt, gleich welchen Namen man ihr gibt oder ob man sie gar zu fälschen versucht.

Ein paar Tage später wußte der Botschafter, was Qiao besorgt gemacht hatte: Mao lag schon im Sterben. Wickert sollte den Minister nie wieder sehen – Qiao hatte aufs falsche Pferd gesetzt, auf die Viererbande. Dies ist eine von vielen Episoden – originell, witzig, lehrreich – aus einem ganz und gar ungewöhnlichen China-Buch:

Erwin Wickert: "China von innen gesehen"; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1982; 512 S., 38,– DM.

Der Autor hatte sich schon als Student einen Jugendtraum erfüllt: Mit selbstverdientem Geld war er nach China gereist. Dort eröffnete er später seine diplomatische Laufbahn, die er dann – zufällig in der Umbruchzeit nach dem Tode Maos – von 1976 bis 1980 in Peking beendete. Er hat aus seinen Tagebuchnotizen, aus Protokollen und Dokumenten, aus Hunderten von Geschichten und Begegnungen einen bunten Strauß geflochten, aber die lebendige Anschauung gewinnt erst durch die Erfahrung und das historische Wissen des Autors. Er schreibt, im Gegensatz zu so vielen anderen Autoren von China-Büchern, unvoreingenommen, taktvoll, einfühlsam – nie verliert er das Gefühl und den Respekt vor der Andersartigkeit chinesischer Kultur, vor dem von unserem grundverschiedenem Wert- und Koordinatensystem.

Wickert schreibt für Leser, "die das Land und den chinesischen Menschen verstehen wollen", und er macht es dem Leser leicht, ihm zu folgen: eine unterhaltsame Belehrung, die in Stil und Dramaturgie den erprobten Romancier verrät. Exkurse in chinesischer Sittenlehre locken er gewöhnlich in Dialogen auf, und einige Kapitel geraten ihm zu Kabinettstücken der Satire (wie der Bericht über den chinesischen Staatsbesuch im Freistaate Bayern). Daneben formvollendete Essays und Reisebeschreibungen – das Wiedersehen mit dem Grabe des Konfuzius, die Erinnerungen an das Sündenbabel Schanghai, das heute seine Seele verloren hat, der Abstecher nach Tibet und zur Grabstätte des Ersten Kaisers.

Mit verhaltener Sympathie zeichnet er ein Porträt des Vorsitzenden Hua Guofeng, den er zum Staatsbesuch nach Bonn begleitete und der bald nach Wickerts Abschied ins zweite Glied zurücktreten mußte. Die beherrschende Figur dieser vier Jahre aber war – und ist es auch in diesem Buche, das mittelbar immer die Wirkungen seiner Politik beschreibt – Deng Xiaoping. Wickert, der bei vielen Empfängen neben ihm gesessen hat, vergleicht ihn in manchem mit Friedrich dem Großen, was als Kompliment gemeint ist. Wir erfahren, welche Schmach und welche Leiden Deng samt seiner Familie in den Jahren der Verfolgung hat erdulden müssen, bis hin zu der scheinbar würdelosen, tatsächlich aber politisch wohlüberlegten Selbstkritik. Wickert meint, das chinesische Volk schulde Deng Dank dafür, daß er nicht, wie viele Opfer der Kulturrevolution, den Tod der vorübergehenden Schande vorgezogen hat.