Von Franz Schöler

Unter den „Schwierigen“ der Rockmusik ist Van Morrison einer der Schwierigsten, sowohl im Umgang mit seiner Umwelt (Musikern und Plattenfirmen, Konzert-Promotern und Presse) als auch mit seiner Musik und sich selber: ein Außenseiter, der an aktuellen Pop-Moden geradezu demonstrativ desinteressiert ist, ein manchmal cholerischer Exzentriker, zerfressen von Selbstzweifeln, selten restlos mit seiner Arbeit zufrieden und bewegt von einem Bedürfnis nach Harmonie, dem beim „neugeborenen Christen“ Van Morrison immer wieder die eigene Egozentrik im Wege steht.

Daß er nach zwanzig Jahren immer noch mit einiger Regelmäßigkeit Schallplatten einspielt, betrachtet er strikt als seinen Job, als einen Job wie die meisten anderen auch, die man für Geld erledigt. Zugleich hat er für die Art, in der die Ware Popmusik vermarktet und durch dieses Marketing korrumpiert wird, auch nur noch Verachtung übrig. In einem der wenigen Interviews, die er in den letzten Jahren gab, meinte er kürzlich:

„Ich bin an populärer Musik nicht interessiert. Sie ist richtungslos und hat aufgehört, sich zu entfalten. Es gab einmal eine Zeit, als sie sehr kreativ war und sich wie der Jazz hätte entwickeln können. Aber das ganze Geld, das man mit ihr macht, und die Art, in der sie vermarktet wird ... Ich glaube, das Musikgeschäft ist ein starres System. Banken sind da lockerer als dieses Musik-Busineß.“

Sein Auftritt bei der Rockpalast-Nacht am 3. April gehört zu den raren Gelegenheiten, bei denen man ihn live erleben kann. Denn die wenigen, vorher kaum angekündigten Konzerte, die der Sänger gibt, sind im Gegensatz zu den Tourneen seiner Kollegen keine gründlich kalkulierten Werbeveranstaltungen für gerade veröffentlichte Platten, sondern meist spontan organisiert und von minimalem Publicity-Wert. Wenn er sie dann – was mehr als einmal passierte – aus einer Laune heraus abrupt als Fiasko enden läßt und schon nach wenigen Songs die Bühne verläßt, wissen das nur die wenigen hundert Besucher, die sich zu der Gelegenheit einfanden.

Es ist nicht zuletzt ein solcher rigoroser Perfektionsdrang, der die Legendenbildung um den „Belfast Cowboy“ förderte. An die Devise „It’s only rock ’n’ roll...“ mag er sich nicht halten. Bezweifeln darf man, erst recht nach dem verunglückten Mink-DeVille-Auftritt der letzten Rockpalast-Nacht, ob das boogie-süchtige Bopper-Publikum in der Essener Grugahalle tatsächlich Geduld und Aufmerksamkeit für die neuen Kompositionen des Van Morrison aufbringen wird. Denn die waren in den letzten Jahren bis zur Veröffentlichung des Albums „Beautiful Vision“ vor zwei Monaten eher elegische Gesänge von pastoraler Besinnlichkeit und Konzentration fordernder Intensität denn Rhythm & Blues-Schreie, mit denen er Mitte der sechziger Jahre Erfolgslieder wie „Gloria“ und „Here Comes The Night“ aufnahm.

Wie so viele Vertreter des britischen Rhythm & Blues-Revivals begann auch Van Morrison, kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs im irischen Belfast geboren, seine Karriere als Fan, der Vorbildern nacheiferte und singen wollte wie John Lee Hooker und Jackie Wilson, Ray Charles und andere Blues- und Soul-Größen. Mit der Zeit entwickelte sich sein eigener Blues zu einer noch weit vielfältigeren und komplexeren Musik als die seiner Idole, eine ganz eigenständige Mischung aus Blues und Folk Music, aus Country-Idiomatik und Jazz. 1968 war das Jahr, in dem sein Meisterwerk „Astral Weeks“ erschien, ein Album, das man damals als Underground-Klassiker zu Haschzigaretten und LSD-Tabletten hörte, das aber Trip-Musik ganz eigener Art war, mehr psychisch-religiöse als psychedelische. Hatte er vorher durchaus erdverbundenen und sinnlichen Rhythm & Blues gesungen, so begann spätestens mit dieser dritten Solo-LP seine spirituelle Suche nach Erlösung.