München

Er sei gekommen, den „italienischen Virus über die Grenze zu tragen“, kündigte der Florentiner Psychologe Ludwig Roser vor den dreihundert nichtbehinderten Kongreßteilnehmern in der Münchner Universität an. Der „italienische Virus“ meint nicht allein die Befreiung der psychisch Kranken aus den Gettos der psychiatrischen Anstalten; er meint den Abbau der Heimbetreuung von Behinderten, ihre Eingliederung in den Alltag der Gesellschaft.

Um ihre Integration, um Phantasie und um bestehende Modelle, schließlich um die Kostenfrage kreisten die Beiträge von Experten aus zehn Ländern, darunter schwer körperbehinderten Referenten, deren eigene Geschichte die Wahrheit eines Kongreß-Wortes beweist: Um als Person zu überleben, müsse der Behinderte „entschlossen, selbstbezogen und aufsässig sein.“ Wer sich auf dem Weg der Heimbetreuung ins Frührentnerdasein begibt, hat zwar – gerade hierzulande – die beste finanzielle Förderung; aber in der Mehrzahl der Fälle steigert sich die Abhängigkeit, werden die Heilungschancen geringer, werden Selbstbewußtsein und Lebenswille geschwächt.

Bereits in den fünfziger Jahren, in der Folge der Polio-Epidemien, führten erste Versuche des „independent living“ (weitestgehende Betreuung zum Beispiel Atemgelähmter zu Hause) zu einem Maß an Selbständigkeit und Unabhängigkeit der gelähmten Menschen, das niemand erwartet hatte. Als Nebeneffekt ergaben sich Kosteneinsparungen. 1972 führten Programme mit Vergleichsgruppen körperbehinderter Studenten an der Universität Berkeley zu dem Ergebnis, daß bei jenen Rollstuhlfahrern, die – mit ambulanten Helfern – außerhalb von Heimen lebten, die üblichen Schwierigkeiten wie Druckstellen und Harnwegsinfekte fast auf Null zurückgingen, was der Eigenverantwortlichkeit und gesteigerten Motivation der Behinderten zu verdanken war. Seither haben sich auch in Europa – vor allem in den skandinavischen Ländern, aber auch in Italien, Großbritannien und Holland – Integrationsmodelle durchgesetzt, deren Erfolg längst außer Zweifel steht.

Ein anderes Bild bietet die Bundesrepublik: auch bei der Bemühung, die Lage der Behinderten zu verbessern, hat hier die Perfektion der Heimbetreuung noch öffentlich Vorrang.

In wenigen bundesdeutschen Städten existieren Einrichtungen wie die Münchner „Vereinigung Integrationsförderung e. V.“, kurz VIF, die zu dem Kongreß unter Mitwirkung anderer Organisationen eingeladen hatte. Die gar nicht hoch genug einzuschätzende Arbeit der VIF findet zwar inzwischen die Anerkennung von Gesundheitsministerien und wird von einem wissenschaftlichen Projekt am Institut für Sonderpädagogik der Münchner Universität begleitet; aber die schwerfällige Mechanik der öffentlichen Haushalte macht noch immer möglich, daß man leichter einen Heimplatz für 4000 Mark Steuergelder im Monat beschafft als 150 Mark für einen ambulanten Behindertenhelfer. Der wissenschaftliche Begleiter des VIF-Projekts, Professor Speck: „Wir sprechen zwar mit gewissem Stolz vom immer dichter werdenden sozialen Netz, entdecken aber gleichzeitig, daß dieses auch einschnüren kann und offenbar letztlich die menschlichen Bedürfnisse doch nicht erreicht.“ So entsteht die „ambulante Hilflosigkeit“.

Die Alternative: mehr behindertengerechte Wohnungen in den allgemeinen Wohnvierteln, Ausbau der ambulanten Hilfe, mehr. Anleitung der Helfer durch die Behinderten selbst. Vor allem aber: frühzeitige Integration behinderter Kinder in Kindergarten und Regelschule, in den Üblichen Bildungskreislauf und in den Beruf. Abbau jeglicher Sondereinrichtungen als Regelfall. Daß Integrationsmodelle dort, wo sie bereits funktionieren, gegenüber dem geschlossenen Pflegevollzug in Heimen geradezu dramatische Kosteneinsparungen aufweisen, ist inzwischen international gesichert. Angesichts dieser Vergleichsrechnungen nennt Kongreß-Leiter Rüggeberg die ambulante Hilflosigkeit in der Bundesrepublik zu Recht eine „sozialpolitische Absurdität.“ Gert Heidenreich

(Referate über: VIF, Herzog-Wilhelm-Str. 16, 8000 München 2)