Das Buch zum Film ist selten genug das, was die Formel verspricht. Dieses Buch hingegen verdient diesen Namen wirklich. Es ist ein Folge- und Begleitunternehmen zu der Fernsehserie „Jahre unseres Lebens“, die sein Autor für das Zweite Deutsche Fernsehen gedreht hat –

Dieter Franck (Hrsg.): „Die fünfziger Jahre. Als das Leben wieder anfing“; R. Piper Verlag, München; 199 S., DM 49.80.

Es vollzieht jenen Blick zurück nach, den diese Serie so gemütsbewegend für die Dabeigewesenen und – hoffentlich – instruktiv für die Nachgeborenen praktiziert hat: auf Ruinenstädte und Aufbau-Triumphe, auf Adenauer und Sissy-Filme, Leukoplast-Bomber und Fußballweltmeisterschaft. Francks Buch tut das achtbar, eher zurückhaltend in der Bebilderung, unter Beteiligung von Autoren, die den ihnen jeweils zugeteilten Acker mit Fleiß bestellen. Kurt Blauhorn die Wirtschaftsentwicklung, ZDF-Chefredakteur Appel die Politik, Manfred Rexin die DDR, Thilo Koch das geteilte Berlin, Elisabeth Endres das Kulturelle, der Quizmaster Hans Rosenthal die Unterhaltungs-Szene und Heinz Maegerlein den Sport.

Es ist auch alles da, was diesem Jahrzehnt den Umriß gab, in dem die Bundesrepublik ihre Fundamente bekam. Die Leistungen, die vollbracht wurden, und die Nöte, die sie begleiteten, das Wirtschaftswunder und die weitgehende Ausblendung der Vergangenheit, die bald darauf eine ganze Generation aufbegehren ließ, auch jener Hauch von heiler Welt, der dies alles unverkennbar imprägnierte: nichts davon bleibt wirklich ausgespart. Dennoch hinterläßt es einen gespaltenen Eindruck. So war es, gewiß. Aber war es wirklich so?

Das Unbehagen an diesem Band hat seinen Grund wohl darin, das er allzu widerstandslos einer Neigung nachgibt, die sich in Hinblick auf die fünfziger Jahre inzwischen zur Tendenz verfestigt zu haben scheint. Mit allen ihren Attributen, vom Nierentisch bis zum Rock’n’ Roll, sind sie dabei, zu einer Art Heimatstube im ansonsten reichlich verwinkelten und zugigen Gehäuse des bundesrepublikanischen Selbstgefühls zu werden. Mit einem Male erscheint da alles irgendwie etwas zu heimlich, warm, herzbewegend, selbst die Arbeitslosen, die es bis in die dickste Wirtschaftswunder-Zeit hinein gab, selbst Enge und Borniertheit, die auch zu ihr gehören.

Es fehlt – ja was? Die Abgrund-Ahnung wohl, die ungeheure Ambivalenz, die diese Zeit hinter der Fassade geprägt hat. Sie mangelt in diesem Buch am deutlichsten in den Beiträgen des Herausgebers selbst, der der Verführung zur Verharmlosung am weitesten verfällt – Theodor Heuss war nun weiß Gott nicht der „Zeremonienmeister des Aufbautriumphs“ aber sie tritt auch in den Beiträgen, in denen die Zwiegesichtigkeit der fünfziger Jahre beschrieben wird, kaum wirklich ins Blickfeld des Lesers. Das ist den Autoren schwerlich anzulasten, die alle wissen, wovon sie. reden. Liegt es an der Zeit selbst? Sie hat in der Tat, so scheint es, eine spezielle Eignung, sich gleichsam zu einer Art zeitgeschichtlicher Folklore zu verflüchtigen – und gegenwärtig sind wir dafür offenbar besonders anfällig. Aber gerade deshalb wäre es notwendig, zu dieser Tendenz gegenzuhalten. Rdh.