Von Manfred Sack

An dieser tobenden Straße Häuser zu bauen, in denen Menschen wohnen sollen, ist keine fahrlässige, sondern vorsätzliche Körperverletzung, also ein Delikt: Wer soll den Lärm ohne psychosomatische Beschädigungen aushalten?

An dieser Hauptverkehrsstraße, die diagonal durch einen ehemaligen Berliner Block geschlagen wurde, Wohnhäuser zu bauen, war ein Segen: für die Bewohner, weil sie endlich irgendeine, diese Wohnung gefunden haben, laut gelegen, aber unerwartet ruhig und zentral; für die Stadt, weil eine ihrer ekelhaften Narben geglättet wurde, die entstanden waren durch die Dumdum-Geschosse der Verkehrsplaner, mit denen sie, als der Krieg aus war, ein Stück Berlin niedergestreckt hatten.

In einer von grobschlächtigen Planungen verdorbenen Lust zu Experimenten läßt sich das Staunen über diesen paradoxen Glücksfall, der sich aus einer Katastrophe ergab, doppelt genießen. Da nicht nur Berlin, sondern alle Städte von solchen Planungsnarben gezeichnet sind, verdient dieser Fall besondere Aufmerksamkeit – aber auch aus einem anderen Grund: Das "Bauen in der städtebaulichen Verdichtung" – so lautet der fachliche Terminus – heißt ja auch so gut wie immer: Bauen in der Stadt dort, wo sie laut ist. Da bleibt nur, den erträglichsten Kompromiß zu finden wie den in der Lewishamstraße in Berlin.

Die Stadtreparatur durch Architektur geschah in einer ausschließlich für den "übergeordneten" Verkehr erfundenen Straße, die aus einem Tunnel unter dem Kurfürstendamm (zwischen Olivaer und Lehniner Platz) auftaucht und nicht mehr, wie früher, der Wilmersdorfer Straße folgt, sondern diagonal durch die länglichen Gevierte zweier Berliner Blocks geschlagen wurde. Der historische Grundriß der Stadt wurde ignoriert, die Blocks wurden aufgetrennt und hinterließen Zacken, wie sie durch Seiten- und Querflügel und Hinterhöfe gebildet werden: Eine Stadtplanung gegen die Stadt. Fließender Verkehr wurde mit Häßlichkeit erkauft.

Die so entstandene Lewishamstraße hat vier Spuren, die durch die Unterführung des Kurfürstendamms verlaufen, dazu seitlich noch einmal vier Spuren zu ebener Erde für die Autofahrer, die abzweigen wollen. Dem Knick, den die alte Wilmersdorfer Straße – der ehemalige Verkehrsweg – hier macht, ist eine lächerliche Fläche abgezwungen worden, die auch noch anspruchsvoll den Namen Adenauer-Platz führt, ohne deswegen schon einer zu sein. Auch der Brunnen darauf erzwingt es nicht.

Diese bedrückende Situation hatte schon einmal den Architekten Josef Paul Kleihues bewogen, es den Planern gleichsam doppelt heimzuzahlen: Er wollte den zerrupften, seither aus zwei länglichen Dreiecken bestehenden Block ganz abreißen und dort statt dessen zwei dickleibige Wohntürme plazieren und die Lewishamstraße damit flankieren: eine radikale Sanierung, die mit den entstellten Resten der Vergangenheit aufgeräumt, aber auch die Erinnerung beseitigt hätte. Kleihues hat, wie viele seinesgleichen, aus den Folgen solch extremer Erneuerungen gelernt.