Von Georg Jappe

Das Schreiben ist hinter dem Geschriebenen verschwunden. Wir ahnen die Materialität des Schreibens noch in illuminierten Handschriften und Autographen; das normale Buch aber, genormt in Druck, Format und Papier, fixiert uns auf die Ware, den Inhalt, indes die existentielle Erfahrung des Autors, der sinnliche und riskante Akt des Schreibens, uns vorenthalten oder höchstens indirekt übermittelt wird. Ein Gedicht in Composersatz und ein Steuerformular gleichen sich wie ein Ei dem andern – für unsere fünf Sinne; erst bei der Hirnverdauung des Inhalts mag sich das eine als faul, das andere als bebrütetes Gänseei erweisen.

Hier ist einer der Gründe zu suchen, warum Musik und bildende Kunst heute mehr Interessenten finden als experimentelle „Publikationen“. Selten habe ich ein so haptisches Buch gelesen, das sich in der Abstraktion des Drucks so viel Originalcharakter bewahrt hat, wie dieses von –

Hartmut Geerken: „Sprünge nach rosa hin“, verlegt bei Klaus Ramm in Spenge, 1982; 164 S., 22,– DM.

Dabei sieht es gar nicht haptisch aus und ist ein Buch über Bücher. Über philosophische Tagebücher auch noch. Der arglose Leser wird allerdings zunächst verwirrt sein, was haben 1933 und 1979 miteinander zu tun, wer ist er, sie, mein, wer spricht hier, wie alt ist der Autor überhaupt – und ist Mynona eine geheimnisvolle Frau?

Zum Editorischen ist einiges einzuwenden. Kein Klappentext, kein Vor- oder Nachwort, nicht einmal der Jahrgang des Autors, selbst im Prospekt keine Information. Die Tippfehler, unter Whisky oder Fliegenpilz entstanden, wurden zum Zeichen spontanen Schreibens stehen gelassen – aber sie dann in Satz übertragen? Das Markenzeichen, zu dem besonders kleinere Verlage gezwungen sind, hier die fürnehme Karton-Reine, wird im Einzelfall immer wieder zum Prokrustes-Bett.

Hartmut Geerken, geboren 1939, begann als Sprachlehrer am Goethe-Institut in Kairo; er ist Mitherausgeber der „Frühen Texte der Moderne“, hat mehrere Kompositionen für Free Jazz, Klavier und elektronische Musik herausgebracht, ist selbst aktiver Pianist und Schlagzeuger – all das gibt einen anderen Blick für Sprachstrukturen und -rhythmen und kam zunächst seinen Sprechstücken für das Neue Hörspiel zugute. Passionierter Mykologe, ist er heute Programmleiter des Goethe-Instituts Athen (zuvor Kabul, wo er filmte) und auch Nachlaßverwalter des Philosophen Salomo Friedlaender.