Die Deutschen sind reisefreudig. Sie verlassen ihren Heimatort lieber als die Angehörigen irgendeiner anderen Nation. Mächtig treibt sie das Fernweh.

Ob wir demnächst, wie die Dänen, mit Zelt oder mit Wohnwagen reisen werden? Kein deutscher Normalverdiener kann es sich heute noch leisten, mit Familie in einem deutschen Hotel jener Klasse abzusteigen, denen der Varta-Führer die Bezeichnung „mit allergrößtem Komfort“ zubilligt. Das erschüttert die Branche noch nicht. Seit längerem schon rechnet sie mit bis zu neunzig Prozent Geschäftsreisenden, für die die Firma zahlt. Aber auch die Firmen werden unruhig. Viele fangen an, die Reisekostenrechnungen ihrer Mitarbeiter kritischer zu beobachten als früher, Das erklärt sich leicht: Während der letzten 15 Jahre ist vieles teurer geworden. Aber eine Teuerungsrate von 600 Prozent hat es sonst nirgendwo gegeben. Für das gleiche komfortable Einzelzimmer, für das der Reisende 1957 noch um die 30 Mark bezahlte, zahlte er 1967 nur wenig mehr, 1975 bereits 120 Mark – und heute etwa 200.

Gewiß: Es ist nicht mehr „das gleiche“ Einzelzimmer. Die Ansprüche sind gestiegen. Ein Bad wird verlangt und ein Fernsehapparat und eine Minibar und womöglich ein Swimming-pool. Schuhe werden freilich nicht mehr geputzt, und der Etagen-Service war früher auch besser.

Gewiß: Keiner will mehr dienen, und Dienstleistungen sind daher der teuerste Konsumartikel geworden. Eben dieser teuerste Konsumartikel ist das, was Hotels zu verkaufen haben. Wie immer das weitergehen wird: so nicht.

Inzwischen sind Hotelführer in einer mißlichen Lage. Für wen denn noch werden sie gedruckt, wenn sie zu Doppelzimmern führen, die pro Nacht 415 Mark kosten (deutscher Rekord, aufgestellt von „Brenner’s Park-Hotel“ in Baden-Baden)? Der neue Varta, der jetzt erschienen ist, riecht geradezu nach schlechtem Gewissen. Es wird alles getan, um so zu tun, als ob jene „Hotels mit allergrößtem Komfort“ auch den Varta-Führer-Käufer noch interessieren könnten. Das Attribut „Luxus“ wird wohlweislich vermieden; was doch nicht darüber hinwegtäuschen kann, daß die großen deutschen Hotels zu einem Luxus geworden sind, den sich allenfalls Zahnärzte und Vorstandsmitglieder noch leisten können.

Der eben erschienene neue Varta-Führer 1982/83 verzeichnet 27 solcher „Hotels mit allergrößtem Komfort“, 14 davon sind mit der roten Krone als „besonders angenehm“ ausgewiesen. Sehen wir einmal ab von einem, das da aus Zufall oder unangebrachter Nachsicht hineingeraten ist, dann verkaufen die billigsten ihre Einbettzimmer für 90 bis 95 Mark („Maritim“ Braunlage, „Maritim Golf- und Sporthotel Timmendorf, „Adler“ Hinterzarten), die teuersten für 195 bis 204 („Breidenbacher Hof“ Düsseldorf, „Atlantic“ Hamburg, „Sheraton“ Frankfurt). Bei den Doppelzimmern liegt das Hamburger Hotel „Vier Janreszeiten“ an der Spitze (das billigste kostet dort 305 Mark), und am preiswertesten ist das Steigenberger Hotel „Axelmannstein“ in Bad Reichenhall (132 Mark). Auf dem Lande lebt es sich noch immer etwas günstiger.

Die billigsten Einzelzimmer unter den Großstadt-Hotels „allergrößten Komforts“ bietet das Steigenberger Hotel „Graf Zeppelin“ in Stuttgart an (105 Mark), die billigsten Doppelzimmer der „Königshof“ in München (180 Mark),