Rechts wischt Rastatt vorbei. Hinter kahlen Winterwäldern und fahlgrau fließenden Nebel- und Regenschleiern liegt das rotsandsteinfarbene Barockschloß, in ihm das Armeemuseum, in der Josefstraße der sternchenverzierte Feinschmeckertempel „Katzenbergers Adler“, und vor den Wäldern der ehemaligen Feste schlummert unter verrottenden Gräsern und wildwuchernden Brombeersträuchern die Erinnerung an die vergessenen badischen Freiheitskämpfer von 1848/1849.

Schon damals hat das revolutionäre Feuer die weißen Fassaden der Prachtvillen im nahe gelegenen Baden-Baden nicht anschwärzen können. Heute versucht die noble Stadt mit geballter Werbekraft den morbiden Charme ihrer Belle Époque aus den Gründerzeit-Gassen zu scheuchen und swinging Baden-Baden – jung, sportlich, aktiv – zum wahren Markenzeichen zu machen. Über den Haushügel, den Fremersberg, fällt kalter Wind ins Tal der Oos. Von der fernen Hornisgrinde schimmern matt schneegezuckerte Tannen herüber, während an der Lichtentaler Allee, der Promenade der Könige und Kaiser, nur die Felder von Krokussen und Schneeglöckchen einen Farbtupfer in diesen grau-griesgrämigen Frühlingstag setzen.

Bühl, die Zwetschgenstadt, fliegt vorbei, Achern mit seinem Kirchlein aus dem 13, Jahrhundert, dann Offenburg, das sich eigentlich nur durch die Aktivitäten eines deutschen Großverlegers immer wieder ins Gespräch bringt.

Auf diesem Teilabschnitt der Autobahn Karlsruhe-Basel rollen jeden Sommer Hunderttausende Urlauber gen Süden der Sonne entgegen, ohne zu ahnen, daß sie ein stilles Stück Sonnenland der Bundesrepublik links liegen lassen, das zwar touristisch erschlossen, aber nicht überlaufen ist; die Ortenau bietet keine dramatischen Landschaften, aber entlang der westlichen Hänge des Schwarzwalds in stillen Seitentälern und auf verschwiegenen Waldpfaden Natur im Überfluß; ein Ländchen, dessen Küche und Weine zur deutschen Spitzenklasse zählen und das seinen erholsamen Winterschlaf bis in die Vorsaison – Ostern ausgenommen – herüberrettet.

Während die Winzer schon fleißig in ihren Weinbergen werkeln, dösen die kleinen Orte entlang der Badischen Weinstraße in halbhoher Berglage zwischen Reben und Wald der rummeligen Hauptsaison entgegen. „Jetzt“, so heißt es in einem Stadtführer, „ist die Vorsaison das Urlaubsparadies für Pfiffige“ – das walte Bacchus, der Freund der Fröhlichen, wenn in ein paar Wochen im Garten Eden des mittelbadischen Wein- und Obstanbaus der Frühling eingezogen ist. Dann windet sich von Rastatt bis Offenburg ein kilometerbreites Endlosband vom blühenden Kirsch-, Apfel-, Birnen-, Marillen- und Pfirsichbäumen die Autobahn entlang, füllt die jetzt stumpfbraune Rheinebene mit Blütenduft und Bienengesumm und kriecht schließlich die buckligen Schwarzwaldhügel hinauf, in die grünen Täler und heimeligen Dörfchen. Und auch das bescheidenste Haus im abgeschiedensten Ort lebt vom Beginn eines neuen Jahres, wenn vor den Fenstern der alte Kirschbaum die Knospen entfaltet.

„Ich bin vorsichtig“, sagt Roland Kist, Geschäftsführer des Verkehrsverein Baden-Badener Rebland, „aber am Weißen Sonntag wird bei uns die Baumblüte beginnen.“ Der Mann aus Neuweier hat Grund zur Vorsicht. Letztes Jahr hatte er sich doch glatt um eine ganze Woche verschätzt und den Lenz bereits zu Ostern einziehen lassen. Varnhalt und Neuweier sind die gute ländliche Hinterstube Baden-Badens. Hier, in Neuweier, gedeiht der berühmte „Mauerberg“ und ewiger Händel mit Portugal, Frankreich und Italien. Gemeinsam mit den bayerischen Franken kämpfen die Badener gegen die frechen Südländer, die das heiligste Gut unserer Weinbauern ungeniert kopieren – den Bocksbeutel, Adelige Würzburger brachten einst dieses Privileg mit und vererbten es vom Weingut Schloß Neuweier aus dem kleinen Ort. Heute ist die Wasserburg ein weithin bekanntes Restaurant, verwinkelt, anheimelnd, mit kleinen, holzgetäfelten Wirtsstuben, Erker- und Turmplätzen sowie größeren Sälen, wo der schmückende Nachlaß der Edlen Gediegenheit und Tradition verspricht. Auf der engen, steinernen Wendeltreppe fletscht ein wuseliger Spitz grimmig die Zähne, kläfft, als wollte er die gesamte verblichene Ritterschaft aus ihren Sarkophagen scheuchen.

Ist der Nachbarort Steinbach erwähnenswert? Hier wurde Meister Erwin, der Erbauer des Straßburger Münsters geboren. Vom Wein und vom vergangenen Ruhm ihres Sohnes zehren die Steinbacher noch heute, als ob der baumeisterliche Glanz des Mittelalters die nichtssagenden Neubaufassaden wettmachen könnte, die entlang der Straße stehen. Zu spät hatte – nicht nur hier – die Bürgerschaft gemerkt, daß das Fachwerk-Erbe der Vorväter einmal der architektonische Renner der Gegenwart werden würde. Jetzt sind Bürger allerorten bemüht, unter dem Verputz ihrer Häuser nach dem letzten Eichenbalken zu forschen, ihn freizulegen, um dann stolz zu verkünden: „Unser Dorf soll schöner werden.“ Parallel zur Wiederbelebung der alemannischen Sprache verlief auch die Neuentdeckung der eigenen Identität. Es ist nicht zu übersehen, Heimat hat Konjunktur.