Von Josef Joffe

Cambridge, im April

Die englische Sprache verdankt der deutschen so manches zungenbrechende Lehnwort: der Fuehrer (ausgesprochen: "Fjurer"), Doppelgaenger, Weltanschauung. Der prominenteste der Neuzugänge ist Angst. Time hat der (deutschen) Angst vor einiger Zeit einen ganzen Titel gewidmet, die diesjährige englischdeutsche Königswinter-Konferenz trat unter dem gleichen bedrückenden Motto zusammen: "Jahre der Angst."

Nicht minder deprimierend die Tabelle der Themen: Atomrüstung, Krise der Autorität, Aufruhr in Mittelamerika, Massenarbeitslosigkeit, Zwist mit Amerika, Putsch in Polen, Sanktionen,

Schließlich sogar eine Krise, die niemand eingeplant hatte: die Einverleibung der Falkland-Inseln durch Argentinien. Während ein hoher Beamter des Foreign Office gerade imperiale Gelassenheit predigte und den Amerikanern anriet, abgelegene Zwergstaaten wie El Salvador den diplomatischen Azubis im Außenministerium zu überlassen, meldete sich ein gravitätisch dreinschauender Abgeordneter zu Wort. Just in diesem Moment hatte die BBC Schießereien auf den Falkland-Inseln gemeldet; Ihrer Majestät Flotte mache sich zum Auslaufen bereit; der diplomatische Bruch mit Buenos Aires sei bereits vollzogen. Ein paar Stunden später waren alle britischen Parlamentarier aus Cambridge verschwunden – zur Sondersitzung im dichtgedrängten Home of Commons über die "fipsigen Inseln" (The Times) im Südatlantik.

Deutsche und Briten, zuvor noch durch das gemeinsame Bewußtsein des Mittelmacht-Daseins geeint, diskutierten hernach mit deutlich nationalem Akzent. Während die Deutschen den Falkland-Coup als düsteren April-Scherz werteten ("Operettenkrieg"), machten sich unter den Briten Wagnersche Stimmungen breit. Hier und da fiel das Wort Götterdämmerung, auch dieses ein fester Bestandteil der englischen Hochsprache.

Das historische Paradox ließ sich mit Händen greifen. Die Deutschen argumentierten "britisch", sprich: gemäßigt, pragmatisch, "verantwortungsethisch", die Engländer fast teutonisch – mit festem Blick auf die Werte und Ehre der Nation. "Wie gut", seufzte ein deutscher Teilnehmer, "daß uns die Alliierten in Versailles die Kolonien abgenommen haben."