Von Henryk M. Broder

Am Abend vor dem jüdischen Neujahrsfest, Rosch Ha-Schana (Haupt des Jahres im Hebräischen), machten Peter Stephan Jungk und ich einen langen Spaziergang durch Mea Schearim, das Viertel der Ultra-Orthodoxen von Jerusalem. Ich war mit meinem Auto gekommen, hatte es in einiger Entfernung von der unsichtbaren Grenze, welche an Feiertagen die Säkularen von den Frommen Meter stehenlassen und die letzten Treffpunkt, Meter zum Schabbat-Square, unserem Treffpunkt, zu Fuß zurückgelegt. gleich hatte es näher, er wohnte in einer Jeschiva, gleich um die Ecke, einer der außer Talmud-Thora-Schulen, die ihren Schülern außer Unterricht auch Obdach bieten, damit sie unter sich bleiben und sich ganz auf/das Lernen konzentrieren können.

Wir gingen die Hauptstraße entlang, blieben vor jeder Synagoge und vor jedem Betraum stehen, schauten durch die Fenster hinein und sahen den Betenden zu. Wenn einer die Synagoge, vor der wir gerade standen, betrat oder verließ, bekamen wir auch einen Hörfetzen von dem Gebet mit. Auf der Straße waren nur Männer; die Frauen waren, wie es sich gehört, zu Hause und bereiteten das Abendessen vor.

Unter den vielen orthodoxen Juden mit ihren schwarzen seidenen Festtagsmänteln und den breiten flachen Pelzhüten, Streimel genannt, müssen wir beide wie Besucher von einem anderen Planeten ausgesehen haben. Jungk hatte sich ein dunkles Sakko und einen Hut angezogen, sah aber trotzdem einem verkleideten Privatdetektiv ähnlicher als einem gläubigen Juden. Ich hatte einen weißen Sommeranzug an und auf dem Kopf ein schwarzes gehäkeltes Käppchen, das keiner religiösen Vorschrift standhielt. Mein sogenannter

Peter Stephan Jungk: „Rundgang“; Collection 2323, S. Fischer, Frankfurt, 1981; 135 S., 14,80 DM.

Vollbart war eine lächerliche Nachahmung richtiger orthodoxer Bärte. Während wir beide uns ständig umguckten und einander „Schau mal da!“ und „Sieh mal dort!“ zuriefen, nahm von uns Sonderlingen niemand Notiz. Wir kamen uns wie Voyeure vor, aber es gefiel uns.

Mea Schearim am Vorabend von Rosch Ha-Schana, das war wie ein Photo von Roman Vishniak oder ein Gemälde von Marc Chagall. Wir bummelten durch ein galizisches Stedtl, nichts erinnerte daran, daß keine fünf Minuten von dieser Idylle entfernt am Damaskus-Tor der Orient anfing.