An Uhren haben wir wahrlich keinen Mangel. Überall stehen oder hängen welche, in der Wohnung, an der Straßenecke, auf dem Bahnsteig, im Büro. Der Tag beginnt mit dem Blick auf den Wecker und endet mit dem Zeitvergleich am Fernsehen. Außerdem tragen die meisten Leute eine Armbanduhr. Und wer ohne herumläuft, sei es aus Prinzip, sei es, weil sein Chronometer gerade beim Uhrmacher oder im Pfandhaus liegt, fragt einen Mitmenschen, wie spät es ist. Notfalls? kann er die Zeitansage anrufen.

Notfalls? Jeden Tag wählen sechshunderttausend Bundesbürger am Telephon die Nummer 119, um die genaue Zeit zu erfahren.

Sind wir so rücksichtsvoll, daß wir lieber 23 Pfennig opfern als den Nachbarn nach der Zeit zu fragen? Sind wir zu faul, ans Fenster zu treten, um auf die Kirchturmuhr zu schauen? Gebricht es uns an der Geduld, auf den nächsten Glockenschlag zu warten?

In Wahrheit haben wir es wieder einmal mit dem viel beklagten Vertrauensschwund zu tun. Wer weiß, ob die billige Armbanduhr des Kollegen richtig geht? Und die eigene?

Seitdem statt der umständlichen Mechanik ein superpräziser Quarz am Handgelenk tickt, wird die telephonische Zeitansage nicht etwa seltener, sondern auffallend häufiger in Anspruch genommen. Daraus könnte einer schließen, daß sich auch hier die wachsende Skepsis gegenüber der Technik widerspiegele. Weit gefehlt; gewachsen ist unser Anspruch. Ging es früh er allenfalls um Minuten, so quält uns heute der Gedanke, der Quarz könne um den Bruchteil einer Sekunde vor- oder nachgehen. Da kann einer nicht bis zur Tagesschau warten, das muß er sofort überprüfen – am Telephon.

Tatsächlich geht die Uhr der Post sehr genau. Denn die Piepser, die alle zehn Sekunden von der Dame am Telephon sondern werden, sind nicht nur quarzgesteuert, sondern zudem von einer Atomuhr kontrolliert, die in Jahrtausenden allenfalls eine Sekunde verliert. Aus diesem Grund eignet sich der Fernsprechdienst für ein belehrendes Experiment. Benötigt werden dafür zwei beieinanderstehende Telephone. Die gibt es zu Hause zwar nicht, wohl aber im Büro (von wo aus die Zeitansage ohnehin überwiegend angerufen wird). Man wähle auf dem ersten Apparat 119 und auf dem zweiten zum Beispiel 0012129361616, die Zeitansage in New York. Der Fernsprechweg, der dorthin – fast immer – über einen Satelliten im Weltraum führt, ist etwa 72 000 Kilometer lang,

Man nehme den Hörer des einen Apparats ans linke und den des anderen ans rechte Ohr. Da zeigt sich nun, daß die Zeitsignale aus New York denen unserer Post um etwa eine Viertelsekunde hinterherhinken. Und das lehrt uns, wie groß ungefähr die Lichtgeschwindigkeit ist, mit der die Töne aus New York zu uns herüberfliegen: viermal zweiundsiebzigtausend Kilometer pro Sekunde.