Von Nina Grunenberg

Pardon wird nicht gegeben, Rücksicht nicht genommen: Wer diesem Kanzler dient, darf keine Bedingungen stellen. Noch brütet Helmut Schmidt über der Kabinettsumbildung, doch scheint er entschlossen, seine Getreuen ins Gefecht zu werfen, als wären sie fürs Feuer. Auch Klaus Bölling ist im Gespräch. Der Vertraute aus alten, erfolgreicheren Tagen soll sein früheres Amt als Regierungssprecher und Berater Helmut Schmidts wieder übernehmen. Heißt das Rezept nun: Vorwärts in die Vergangenheit?

Klaus Bölling muß nicht gewarnt werden. Besser als manche andere kennt er die rücksichtslose Robustheit Helmut Schmidts und die kühle Skrupellosigkeit, mit der er persönliche Loyalitäten für sich einzusetzen weiß. Im Jahre 1980 war Bölling selber es gewesen, der Abstand gesucht und gebeten hatte, ihm den „Mühlstein“ abzunehmen, der ihm als Regierungssprecher um den Hals gehangen hatte. Über sechs Jahre lang hatte er die Politik des Kanzlers an den Mann gebracht – „oft besser, als sie es war“ (Vorwärts). Ein gesunder Instinkt der Selbsterhaltung hatte ihn hinausgedrängt aus dem magischen Zirkel der Macht. Damals wurde er Nachfolger von Günter Gaus als Ständiger Vertreter der Bundesrepublik in der DDR.

Doch wenn Bölling heute mutterseelenallein in seiner offiziellen, unpersönlichen Diplomatenvilla im Ostberliner Stadtteil Niederschönhausen sitzt, genügt es schon, daß er Mozarts Konzert für drei Klaviere, gespielt von Christoph Eschenbach, Justus Frantz und Helmut Schmidt als drittem im Bunde, in Stereo durch den blauen Empfangssalon im Erdgeschoß brausen läßt, um den alten Zauber wieder lebendig werden zu lassen. Er sei eben ein „Kanzler-Addict“, ironisiert sich Bölling dann selber; von der Wahrheit ist das nicht mehr weit entfernt.

Er ist einer der wenigen, dessen menschliche Beziehung zu Helmut Schmidt wie durch ein Wunder bis heute unverletzt blieb, ohne Risse und Sprünge. Zwar schreckt ihn der Gedanke, daß aus der Kabinettsumbildung kein neuer Anfang werden könnte, sondern nur eine kosmetische Operation. Doch wenn der Kanzler es von ihm verlangte, würde er sich – anders als Jochen Vogel oder Horst Ehmke – kaum versagen. Auch daß er der sozial-liberalen Koalition womöglich nur als takt- und stilsicherer Zeremonienmeister Sterbehilfe zu leisten hätte, würde ihn nicht davon abhalten, dem Ruf zu folgen: Seine Treue zum Kanzler ist groß genug, sein preußisches Pflichtgefühl ebenfalls, seine Veranlagung zum Melancholiker auch. Das Risiko für seine Karriere interessiert ihn nicht mehr. Böllings Dilemma liegt nicht in Bonn, sondern in Ostberlin.

Die Spekulationen über Böllings Rückkehr wurden bislang noch in keiner Weise durch die Überlegung gefährdet, daß die chronisch an Minderwertigkeitsgefühlen leidenden Regierenden in Ostberlin dies als Affront empfinden müßten. Der Ständige Vertreter ist kaum vierzehn Monate im Amt. Seine Entsendung war damals, nach den Friktionen, die es zwischen Günter Gaus und dem Kanzleramt gegeben hatte und die in Ostberlin nicht verborgen geblieben waren, als persönliches Zeichen des guten Willens von Helmut Schmidt an Erich Honecker gedeutet worden. Die vorzeitige Abberufung würde zumindest Desinteresse signalisieren. Wer wollte denn von den DDR-Deutschen Verständnis dafür verlangen, daß der Kanzler seinen Vertreter nur deshalb abzieht, weil er nicht mehr weiß, wie es in Bonn weitergehen soll?

Mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit vermag aber auch Bölling hinter dieser Stilfrage keine Probleme von politischer Relevanz für die deutsch-deutschen Beziehungen zu erkennen. Seine Kritiker wie seine Freunde hat er schon mehr als einmal in Verlegenheit gebracht, weil er sich strikt weigert, sich in Ostberlin wie irgendein klassischer Diplomat zu benehmen. Während er in Bonn als Regierungssprecher wie ein Rastelli mit der Wahrheit, der halben Wahrheit, der verschleierten Wahrheit oder gar nichts in der Hand jonglierte, hält er es in Ostberlin nur noch korrekt mit der ganzen Wahrheit.