Wie schnell sich Höhen und Tiefen in der politischen Diskussion abwechseln können, zeigt sich am Beispiel einer Auseinandersetzung, die im Sommer vergangenen Jahres die Bonner Koalition aufs äußerste strapaziert hat, während sie nun, da sie erneut auf der Tagesordnung stehen sollte, einfach nicht mehr stattfindet – gemeint ist das Thema der Lohnfortzahlung für erkrankte Arbeitnehmer. Im vergangenen Sommer hatten Helmut Schmidt und Hans-Dietrich Genscher dieses heikle Thema vertagt – das dumpfe Streik-Geraune von Männern wie Eugen Loderer („wenn die Lohnfortzahlung eingeschränkt werde, dann sei „in diesem Lande was los“) hat sie in ihrem hastigen Entschluß sicher bestärkt.

Vertragsgrund damals: erst müsse geprüft werden, ob die Einführung von „Karenztagen“ bei der Lohnfortzahlung (kein Gehalt für die ersten drei Tage einer Krankheit), auch Beamte von Rechts wegen einschließen dürfe. Ohne solche „Gleichbehandlung“ sei an Karenztage nicht zu denken. Diese Rechtsfrage ist nun beantwortet: man darf. Doch niemand wollte bislang daraus die Konsequenz ziehen, die Diskussion des vergangenen Jahres neu zu eröffnen. Bundesarbeitsminister Herbert Ehrenberg sieht keinen Handlungsbedarf – kein Wunder, er hatte zuletzt Ärger genug. Und selbst Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff hält still – wartet er auf die Fortsetzung der Sparverhandlungen in späten Frühjahr, oder meint er, über so schwierige Fragen lohne es nicht mehr zu verhandeln, da ja ohnedies die Bonner Koalition den 7. Juli (an diesem Tag soll das Kabinett über den Staatshaushalt des nächsten Jahres beschließen) nicht mehr erleben oder gar überleben werde?

Anden geringen Überlebenschancen des Bonner Bündnisses könnte auch das in den vergangenen Tagen so oft beredete Revirement; des Bundeskabinetts scheitern. Denn: wer will schon in ein Kabinett eintreten, das im Verdacht steht, wenige Wochen später aufgelöst zu werden? Solche Zurückhaltung spiegelt sich etwa in den Überlegungen, wer die Nachfolge Herbert Ehrenbergs antreten könnte. Friedhelm Farthmann, nordrhein-westfälischer Sozialminister, dürfte, entgegen einer in der vergangenen Woche in der ZEIT geäußerten Vermutung, kaum zur Verfügung stehen – auch wenn man sich einen Mann seines Könnes und seiner Persönlichkeit gern in einem Bundeskabinett vorstellen möchte. Nun hat auch Günter Döding, Chef der Gewerkschaft Nahrung – Genuß – Gaststätten, sachte abgewunken, nachdem er unversehens in die Nachfolge-Diskussion geraten war. Was fürs Sozialressort gilt, gilt auch für andere, voran das Finanzministerium des amtsmüden Hans Matthöfer: keiner will mehr so recht, und vielleicht lohnt es auch gar nicht mehr.

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Wenigstens die konjunkturelle Entwicklung hat sich dem Frühling angepaßt. Graf Lambsdorff verbreitet Zuversicht. Die Experten seines Hauses um den Chef-Rechner Karl-Heinz Raabe erwarten für dieses Jahr ein Wirtschaftswachstum von mehr als jenen anderthalb Prozent, die die Bundesregierung offiziell als Obergrenze ihrer Hoffnungen bezeichnet hat. Fürs nächste Jahr werden sogar drei Prozent erwartet. Die nächste Bundesregierung findet also ganz passable Ausgangsdaten vor...

Dieter Piel