Der Wegweiser weist ein bißchen in den grauen Himmel, ein bißchen in einen grünumrankten Weg und ein bißchen vielleicht nach Sixmilebridge. Er führt uns durch ginsterbetupfte, wellige Wiesen, er führt uns zu einem geschäftigen Bauernhof, er führt uns nicht nach Sixmilebridge.

Fahren durch den Süden Irlands ist Verfahren, weil irgend jemand das Schild verdreht hat oder weil einfach eine dieser buckligen, verwunschenen Straßen zum Verfahren verführt. Fahren durch Irland ist magenkitzelndes Hüpfen auf winzigen Wegen durch eine Landschaft, die beständig ihr Grün zur Schau trägt und die nicht müde wird, dieses Grün zu variieren. Sie ist eine Verwandlungskünstlerin, die sich immer dann unverhofft umzieht, wenn man beginnt, sich an ihr Kostüm zu gewöhnen: mediterran-mild das Buschwerk, rhododendronstrotzend die Garten ganz im Südwesten, vom Wind apokalyptisch umtost, schroff sich ins Meer werfend, die Klippen von Moher; fast bayerisch heiter die Seen bei Killarney, arkadisch hell die Wälder von Wicklow, karstkarg die Hochflächen des Burren.

Grün ist allgegenwärtig wie Ginster und Guinness, wie Schafe und Pubs. Es gibt Klischees, die stimmen. Irland ist ein Mosaik aus grünen Punkten mit winzigen roten Sprossen.

Butler Edward, rotbackig, und rotbewamst" wischt sich mit resignierendem Lächeln den Schweiß, unterm gälisch-blonden Toupet weg. Sein Rittersaal ist ein, Zollhaus voll Met-trunkener Amerikaner und Iren, die auf Bunratty Castle Ohne Besteck, aber mit Harfenmusik beim Rittermahl einen handfesten Wappen Mittelalter packen wollen. Sanfte Maiden von höfischer Anmut füllen flink die Becher nach, während Edward nach bewährtem Ritual deftig scherzt und eine wachsbleich-melancholische Violinistin den zarten Klang ihrer Geige nicht länger dem Gröhlen der Menge aussetzen mag. Nur die Burgfräulein in wagendem Samt, die mit fester, klarer Stimme und erstaunlicher Musikalität zum Nachtisch Alt-Irisches singen, zwingen selbst die lautstärksten Zecher für ein paar Minuten zum Schweigen.

So verkauft die Shannon Development Company Irland, eine Gesellschaft, die sich darum kümmert, daß die Gegend um Shannon doch noch zu Touristen kommt, nachdem der legendäre Flughafen Zwischenlandungen und Nimbus verloren hat. Sie läßt auf dem Schloß zweimal täglich zu Saisonzeiten lautstark inszenieren, was Touristen für Mittelalter halten Wollen. Außerdem hat sie der trutzigen Burg einen "Folk Park" beigegeben und alte Bauernhäuser zusammengetragen, die, in ein liebevoll gehegtes Ambiente verpflanzt, die schreiende Armut früherer Jahre anmutig verharmlosen: Da steht zwischen proper aufgebauten Gehöften eine rauchgeschwärzte Kate, in der des Feuers Torfgestank fast den Atem nimmt, ein schlichtes Bett, Krüge für den Whiskey, das ist das ganze Mobiliar.

Shannon ist heute wieder Synonym für den Fluß und nicht für den Flughafen. Bootfahren auf dem Shannon ist Irland, wie es die Irische Zentrale für Fremdenverkehr gern herzeigt. Der Shannicht hold, wies die arme Kathleen barsch zurück und soll ihr, so weiß die Fama, mit Nesseln die Leidenschaft ausgepeitscht haben. An solch unfreundliches Treiben mag man in der friedfertigen Ausflugslandschaft von Kevins Kloster Glendalough gar nicht denken, Angestrahlt von warmer Frühlingssonne, ruhen die Ruinen in sattem Grün, ragt ein grobsteiniger Rundturm ein wenig eitel in den kräftigblauen Himmel, zieren herzförmige Konfektschachteln mit Plastikblumen, Inbegriff zeitgenössischer Frömmigkeit, Gräber, die nicht aus Kevins Zeit stammen.

In Clonmacnoise der gleiche Grabschmuck. Seit tausend Jahren wird hier beerdigt. Vor eineinhalb Jahrtausenden hat der heilige Ciaran – auch einer der Heiligen, die nur in Irland heilig sind und nicht in Rom – das Kloster Clonmacnoise gegründet. Gelehrt waren die Mönche, aber auch reich und beharrlich. Immer wieder wurde ihr Kloster zerstört, und immer wieder bauten sie es auf. Ein paar Gemäuer haben-sogar bis auf den heutigen Tag überdauert. Doolin Church, Temple Ciaran, The Cross of the Scriptures. Die meisten der Kirchen und Kreuze, die der Reiseführer mit Akribie beschreibt, bleiben unauffindbar, bis kleine Informationstafeln sie als Ruinen identifizieren. Der Himmel hängt tief über Clonmacnoise. Wie ein Vorhang schieben sich hinter die Klosterreste regenschwere Wolken, so als müßten sie immer da sein, als gehörten sie zum Tableau, wie die Schafe, die sorglos zwischen Irlands kostbarsten Kulturgütern grasen.