Diesmal steht Heinz Kluncker, Chef der Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) mit dem Rücken zur Wand. Zwar ging die erste Kunde um nie Zulagenkürzung für Arbeiter und Angestellte der öffentlichen Hand, die noch vor den eigentlichen Tarifverhandlungen ablief, an ihn. Doch jetzt, in der entscheidenden Phase, sind seine Karten ausgesprochen schlecht.

  • Die Arbeitgeber stehen angesichts der fatalen Haushaltslage von Bund, Ländern und Gemeinden derzeit offensichtlich so geschlossen wie selten zuvor.
  • Die Bundesbürger würden unter Hinweis auf die hohen Arbeitslosenzahlen und die weitgehend risikolosen Arbeitsplätze der Beschäftigten im öffentlichen Dienst keinerlei Verständnis für einen Streik um wenige Zehntelprozente aufbringen.
  • Selbst die Schwestergewerkschaften im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) stünden, nach allem, was man hört, solchen Aktionen skeptisch gegenüber.
  • Durch das Schlichtungsverfahren, das jetzt anläuft, würde ein Arbeitskampf zudem zeitlich kurz vor dem DGB-Bundeskongreß Mitte Mai liegen. Dies aber dürfte sowohl Kluncker als auch seinem Freund, dem designierten neuen DGB-Vorsitzenden Ernst Breit, derzeit Chef der Postgewerkschaft, wenig Sympathien bei den Delegierten einbringen.
  • Und schließlich paßt ein Streik im öffentlichen Dienst auch ganz und gar nicht in die politische Landschaft. Ohnehin haftet Kluncker, ob zu Recht oder zu Unrecht – noch immer das Odium des Kanzler-Killers an, der mit seinen Kampfmaßnahmen Anfang 1974 den Sturz von Willy Brandt eingeleitet haben soll. Angesichts der desolaten Situation der sozial-liberalen Koalition in Bonn könnte ein solcher Streik tatsächlich der letzte Nagel zum Sarg des Regierungsbündnisses werden.

Ob Bundeskanzler Helmut Schmidt diese Gedanken auch durch den Kopf gegangen sind, als er die Gewerkschaften in diesen Tagen für das „große Augenmaß“ lobte, das sie bisher bei den Tarifverhandlungen dieses Jahres bewiesen hätten? Vielleicht wollte er seinem alten Mitstreiter Kluncker einen zarten Wink geben, nicht aus der Reihe zu tanzen.

Eigentlich spricht also alles dafür, daß die zweite Runde im Tarifpoker des öffentlichen Dienstes an Bundesminister Gerhart Baum geht, den Verhandlungsführer der Arbeitgeber. Kluncker bleibt gar nichts anderes übrig, diesmal wird er nachgeben müssen. Zwar scheint die Zulagenkürzung inzwischen endgültig vom Tisch zu sein, doch ein solches Zugeständnis der öffentlichen Arbeitgeber läßt sich offenbar nur mit einem Abschluß erkaufen, der „deutlich unter 3,5 Prozent“ liegt, so jedenfalls will es Baum. Die Differenz, um die es in den inoffiziellen Gesprächen der Kontrahenten zuletzt ging, lag danach nur noch bei einem halben Prozentpunkt. Diese Spanne müßte sich eigentlich auch ohne Arbeitskampf überbrücken lassen.

Die Zeit der Schlichtung gibt beiden Seiten noch einmal Gelegenheit zum Nachdenken. Kluncker und seine Kollegen von Bahn und Post sollten sie nutzen, um ihre Mitglieder auf den Rückzug vorzubereiten. Und die Arbeitgeber sollten noch einmal durchrechnen, ob sie den Gewerkschaften nicht doch noch einen Schritt entgegenkommen können. Erika Martens