Von Michael Jungblut

Am Arbeitsmarkt will der Frühling sich diesmal nicht an den Kalender halten. Zwar ist die Zahl der Arbeitsuchenden im März um über hunderttausend auf 1 811 370 zurückgegangen – aber das ist bei weitem zu wenig. Normal wäre in dieser Jahreszeit eine Abnahme um rund 350 000. Hinter der scheinbaren Verbesserung steckt also in Wirklichkeit eine weitere Verschlechterung der Beschäftigung in der Bundesrepublik. Josef Stingl, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, in Nürnberg, nennt deshalb die Arbeitsmarktlage „nach wie vor katastrophal“.

Mehr noch als für die deutschen Arbeitnehmer gilt dies für die Gastarbeiter. Vor Jahren ins Land geholt, um den Mangel an deutschen Arbeitskräften auszugleichen und die Tätigkeiten zu übernehmen, für die sich die vom Wirtschaftswunder verwöhnten Bundesbürger zu schade geworden waren, leiden sie heute unter der Wirtschaftskrise am meisten. Während die Arbeitslosenquote ihrer deutschen Kollegen bei 7,6 Prozent liegt, sind bei den Ausländern 11,9 Prozent ohne Job. Das ist zwar eine leichte Verbesserung gegenüber Februar. Aber in Arbeitsamtsbezirken wie Hamburg ist die Zahl der arbeitslosen Gastarbeiter entgegen dem allgemeinen Trend gestiegen, und im Vergleich zum Vorjahr ist im gesamten Bundesgebiet die Zahl der arbeitslosen Ausländer um 57 Prozent höher als vor Jahresfrist.

Das ist nicht nur für diejenigen eine herbe Enttäuschung, die aus Spanien, Jugoslawien oder dem fernen Anatolien aufgebrochen sind. Sie wollten endlich einmal genug Geld verdienen, um sich und ihre meist verzweigte Sippschaft ausreichend ernähren und kleiden zu können und vielleicht im Laufe der Jahre noch soviel zurückzulegen, daß es später zur Finanzierung eines kleinen Handels oder einer Kneipe in der Heimat reicht.

Auch für die Bundesrepublik geht die Rechnung nicht mehr so glatt auf. Statt, wie erwartet, zur Mehrung des deutschen Sozialprodukts beizutragen, liegen nun immer mehr der früher allzu gedankenlos angeheuerten ausländischen Hilfskräfte dem deutschen Steuerzahler auf der Tasche: Für rund eine Viertelmillion Gastarbeiter gibt es zur Zeit keine Beschäftigungsmöglichkeit. Die Unterstützungszahlungen sowie die Einnahmeverluste des Fiskus und der Sozialversicherungen summieren sich auf über sechs Milliarden im Jahr, während viele Ausgaben – beispielsweise für die Schulausbildung der wachsenden Kinderschar – sogar noch steigen. Allein in Bayern wuchs die Zahl der ausländischen Schüler im letzten Jahr um 7,6 Prozent auf jetzt 68 838. Über sechzig Prozent davon sind türkischer Herkunft.

Viele der ausländischen Arbeitslosen werden noch auf lange Zeit ohne Job sein. Einer der wichtigsten Gründe für die überdurchschnittlich hohe Zahl beschäftigungsloser Ausländer ist nämlich deren geringe Qualifikation. Diese Gastarbeiter werden auch dann noch schwer zu vermitteln sein, wenn die Wirtschaft endlich wieder auf Trab kommt. Viele der Hilfsdienste, für die sie einst aus der Heimat in den kalten Norden geholt wurden, sind inzwischen der Rationalisierung zum Opfer gefallen. Während mancher ihrer ehemaligen deutschen Arbeitskollegen inzwischen umgeschult worden ist und anspruchsvollere Aufgaben übernommen hat, besitzen viele Gastarbeiter dazu nicht die notwendigen Fähigkeiten. Die „technologische Arbeitslosigkeit wird sich deshalb ihre Opfer auch dann noch vorwiegend unter den ausländischen Arbeitskräften suchen, wenn die gegenwärtige Konjunkturschwäche überwunden ist.

Schlimmer noch ist, daß auch den Kindern dieser Gastarbeiter ein ähnliches Schicksal droht. Denn wir lassen die zweite Generation der Ausländer jetzt ebenso gedankenlos im Abseits stehen, wie wir ihre Väter und Mütter in den Zeiten des Arbeitskräftemangels ohne Rücksicht auf die zu erwartenden Probleme ins Land geholt haben. Wenn nichts geschieht, wächst hier eine ganze Generation zukünftiger Arbeitsloser heran.